...und morgen wichtig für den Leser ist
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Schreiben, was die Menschen im Rathaus, Wirtshaus und Wohnzimmer bewegt
. . . und morgen wichtig für den Leser ist
Auf der anderen Seite ist es aber doch wieder verständlich: Noch nie gab es so viele günstige Lebensmittel, die nicht krank machen. Warum soll man dann nicht beim Discounter die zehn Semmeln für einen Euro kaufen, auch wenn sie nicht so gut schmecken wie vom Bäcker, der den Brötchenteig noch selber herstellt?
NZ-Lokaljournalisten müssen deshalb immer abwägen: Wenn Magazine in Hamburg oder München mit der Angst spielen und behaupten, wer die ersten Erdbeeren aus Marokko oder Ägypten isst, wird sich vergiften, dann ist zunächst einmal zu überlegen, wie die Grenzwerte sind, wie viel Kilogramm man in welcher Zeit davon essen muss, um gesundheitliche Probleme zu bekommen. Schließlich: Gibt es überhaupt solche Früchte in Nürnberg? Es wäre ein Leichtes, die Erdbeerangst aus Hamburg auf Nürnberg zu übertragen. Doch die nächste Lebensmittelfurcht kommt bestimmt: Waren davon im vergangenen Dezember die Lebkuchen betroffen, könnten es beim nächsten Mal die Bratwürste auf dem Grill sein. Immer kann etwas gefährlich sein, vor allem wenn man davon zu viel zu sich nimmt.
Im NZ-Lokalteil wird jedenfalls versucht, nicht jedem Schauder nachzugeben. Es soll berichtet werden, was ist und was tatsächlich auch sein könnte. Ein bisschen Schauder ist natürlich immer unterhaltsam.
Berichten, wie etwas zusammenhängt: Eine demokratisch legitimierte Stadtgesellschaft braucht transparente Verfahren, wenn sie Entscheidungen trifft. Das klingt gut. In der Praxis mögen einzelne
Entscheidungsstränge zwar transparent sein, jedoch sind immer mehrere miteinander verknüpft. Sie beeinflussen sich gegenseitig und für viele Bürger beginnt es dann undurchsichtig zu werden: Dass die Stadt Nürnberg ihre
Kläranlage an einen amerikanischen Trust vermietet und wieder zurückgemietet hat, dafür viel Geld vom amerikanischen Steuerzahler bekommt, mag in Einzelteilen logisch sein, plausibel ist es als Ganzes damit noch lange nicht. Wer garantiert, dass das Geschäft ohne Komplikationen in den nächsten 20 Jahren läuft?
Hinzu kommt noch der deutsche Glaube in den Verwaltungen und Organisationen, dass jede Entscheidung juristisch erst einmal wasserdicht sein muss. So etwas dauert und passt mit der Ungeduld von Bürgern, irgendjemand könne Probleme schnell lösen, nicht zusammen: Wenn in einem Stadtteil Plätze fehlen, damit Gartenabfälle abgeladen werden können, dann erwarten die Betroffenen zu Recht, dass die städtische Verwaltung rasch handelt. Doch die übrigen Bürger haben ein Recht darauf, dass die Stadt mit ihren Steuergeldern sparsam umgeht, bestimmte Stadtteile nicht privilegiert behandelt werden, und die Anlieger einer neuen Gartenabfallsammelstelle möchten natürlich die Gründe wissen, warum sie damit belästigt werden: Im Notfall wird dagegen geklagt.
Die Lokalredaktion versucht, diese Entscheidungszwänge abzuwägen: Es wird über Forderungen berichtet, sie müssen aber auch gewichtet werden. Der Betroffenheitsjournalismus, dass endlich die Politik ganz schnell Missstände beheben muss, übersieht absichtlich die Mühen der Ebenen und wie die Dinge zusammenhängen. Er suggeriert Möglichkeiten, die es oft nicht gibt und die für die immer wieder beschworene Politikverdrossenheit mit Schuld sind. Denn wer eigentlich etwas tun könnte und nichts macht, verliert an Vertrauen. Auch wenn der Handlungsspielraum journalistisch nur suggeriert wird.
Das hat mit einem engagierten Journalismus wenig zu tun, wenn man die Forderungen eines Lesers oder weniger Leser als Sprachrohr lautstark verkündet und unterstützt, wohl aber mit Gruppenegoismus. Bei der langwierigen journalistischen Begleitung des Entscheidungsprozesses zum Frankenschnellweg in der NZ fehlen vielleicht für einige Leser die Emotionen und Kraftmeiersprüche: Dafür erhielt er aber die Fakten und Zusammenhänge, auf deren Basis die Entscheidungen getroffen werden.
Berichte über Entwicklungen und Entscheidungen, die langfristig die Stadt maßgeblich verändern, mögen manchmal nüchtern ausfallen: Wichtig sind sie trotzdem. Und auch der schweigende Teil der Bevölkerung muss in der Zeitung eine Stimme bekommen, nicht nur selbst ernannte Lautsprecher.
Symbol des modernen Nürnberg: der »Business-Tower« der Nürnberger Versicherung. Foto: Fengler
Bratwursthäusle und der Wolffsche Rathausbau - Orte der Stadtpolitik. Und im Lokalteil der NZ steht, wenn bei »Sechs auf Kraut« oder im Stadtrat Entscheidungen für die Stadt fallen. Foto: Sippel
