Das Ohr Deutschlands

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Nürnbergs Tradition als Nachrichtenzentrum und Zeitungsstadt

Das Ohr Deutschlands

Von Walter Gebhardt

Es sind nur sehr wenige Erfindungen in der Geschichte der Menschheit, die rasante Veränderungen der Gesellschaft bewirken. Die Erfindung des Rades gehört gewiss dazu, ebenso heute das Internet. Medienrevolutionen haben fast immer die Beschleunigung der Kommunikation zur Folge; auch das 16. Jahrhundert war von einem solchen fundamentalen Fortschritt geprägt. Dank der Erfindung des Buchdrucks durften es seine Zeitgenossen erstmals als Medienereignis miterleben. Martin Luthers Reformation wäre womöglich gescheitert, wenn er seine Ansichten nicht via Buch, Flugschrift und Einblattdruck rasant unters Volk gebracht hätte. Der gewiefte Medienmann, der meisterhaft auf der Klaviatur dieser neuen Instrumente spielte, sah in Nürnberg »gleichsam das Auge und Ohr Deutschlands, das alles siehet und höret, was vielleicht nie zu uns gelangt«.

Tatsächlich hatte sich hier zu dieser Zeit ein zentraler Umschlagplatz für Nachrichten herausgebildet. Den darf man getrost als Nebenprodukt der führenden Rolle Nürnbergs als einer der »Hauptstädte« des Reiches betrachten. Die in der Reichsstadt verkehrenden europäischen Spitzen aus Politik und Wirtschaft hatten neben diplomatischen Akten und Handelsartikeln Neuigkeiten aus aller Welt dabei. Ein herausragender Nürnberger Drucker der Lutherzeit, der früh die Ware Information aufgriff, war der auch reformatorisch engagierte Johann Petreius. Mit seinen »Neuen Zeitungen«, die über aktuelle politische Ereignisse wie die Belagerung Wiens durch die Türken berichteten, beschritt er noch Neuland. Flugschriften dieser Art fanden rasch Nachahmer, sie informierten meist weniger über Politik, als über Schlachten, Naturkatastrophen und Wunderliches bei Mensch und Tier. In einem eng verwandten Metier, der Produktion von Bilderbögen, konnte sich Nürnberg als Hochburg etablieren. Diese weniger der Tagesaktualität verhafteten frühen »Illustrierten«, wie sie z. B. der »Bildermann« Paul Fürst landesweit auf den Markt warf, genossen besonders beim Volk große Popularität.

Wenn Venedig zusicherte, dass die Nürnberger Kaufleute ungeachtet diplomatischer Verstimmungen unbesorgt ihren Geschäften in der Serenissima nachgehen könnten, wird das an der Pegnitz mit größtem Interesse vermerkt worden sein. Ebenso wie die Meldung aus anderer Quelle, dass die gängige Route dorthin wegen Überschwemmung gerade unpassierbar war. Solche Informationen sammelte, redigierte und verbreitete ein sich neu herausbildender Berufsstand: die »Zeitunger«.

In meist mit mehreren Schreibern besetzten Agenturen konnten sie neben den vor Ort erhaltenen Meldungen auf ein Netz von Korrespondenten in anderen Städten und Ländern zugreifen. Führende Beamte wie der den gut unterrichteten Kreisen zuzurechnende Ratsschreiber Lazarus Spengler verdienten sich als »Information Broker« ein Zubrot. Ihre handschriftlichen »Briefzeitungen« wurden in Fürstenhöfen, Universitäten und Kaufmannsbüros gelesen.

Nicht zuletzt landeten diese Mitteilungen in den Redaktionen der kurz nach 1600 aufgekommenen ersten gedruckten, regelmäßig erscheinenden deutschen Zeitungen. Wolfenbüttel und Straßburg machten den Anfang, zahlreiche Städte zogen nach. Dabei beriefen sich viele der frühen deutschen Zeitungen auf Neuigkeiten, die »von Nürnberg avisiert”, also angezeigt wurden. Für die in Öttingen und Nördlingen beheimatete »Continuation der Nürnberger Zeitung« lieferte vermutlich der Nürnberger Kaufmann Georg Ayrmann die Quellen. Nur Nürnberg selbst, das als Nachrichtenzentrum doch eigentlich prädestiniert schien, Zeitungshauptstadt Deutschlands zu werden, blieb noch über einige Jahrzehnte ohne eigenes Blatt. Die Verantwortung dafür lag beim zögerlichen Rat, dessen strenge amtliche Zensur lange das neue Massenmedium verhinderte. Man fürchtete in der evangelischen Reichsstadt um die Handelsbeziehungen und Privilegien, falls eine kritische Presse die katholisch gebliebenen Kaiser verärgert hätte.

Zwischen 1648 und 1675 erschienen einige »Wochentliche Ordinari Post-Zeitungen« ohne Herkunftsangaben, deren Herausgeberschaft beim Nürnberger Postmeister vermutet wird, aber ungewiss bleibt. Die Schleier über den Anfängen des Nürnberger Zeitungswesens setzen sich fort mit dem »Europaeischen Mercurius«. Allein das überlieferte Verbot des Rates aus dem Jahr 1672, ihn weiter zu drucken, weist auf seine Existenz hin - erhalten blieb leider kein einziges Exemplar.

Am 9. September 1673 war es dann endlich so weit: Als Nürnbergs älteste offizielle (und zweitälteste bayerische) Zeitung kam die Erstausgabe des »Teutschen Kriegs-Curier« auf den Markt. Für ihn - wie auch für den »Mercurius« - zeichnete Wolff Eberhard Felsecker verantwortlich, der sich beim Rat damit gegen seine Mitbewerber Endter und Lochner durchgesetzt hatte.

Immerhin zehn Namensänderungen erlebte das Blatt in den knapp 200 Jahren seiner Existenz. Die bedeutendste davon war die glücklicherweise erforderliche Ergänzung des militaristischen Originaltitels, so dass es als »Nürnberger Friedens- und Kriegskurier« bekannt geworden ist. Zunächst erschienen zwei Mal pro Woche vier Seiten, Extraausgaben bauten ihn aber bald zur Tageszeitung aus. Zensur-, Familien- und Erbstreitigkeiten prägten seine wechselvolle Geschichte.

Weniger Probleme bereiteten dagegen die alten Rivalen Endter und Lochner, deren Blattgründungen sich nicht behaupten konnten und bald wieder eingingen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestellte der Friedens- und Kriegskurier als einzige politische Tageszeitung Nürnbergs das Feld. Doch 1804 brachen schwere Zeiten für das Blatt an: Neben der Zensur machte ihm der neue »Fränkische Kreiscorrespondent von und für Deutschland«, aus dem die NZ hervorgehen sollte, zu schaffen.


Ein Nürnberger Zeitungsträger aus dem 18. Jahrhundert. Bild: Deutsches Postmuseum Frankfurt