Das war Nürnberg im Januar 1954

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Das war Nürnberg im Jahr 1954

Einführung von Tütenmilch: Milch in Tüten, Tetra-Pack. Vorher gab es die Milch nur in Flaschen.
Von der Flasche in die Tüte: In der Fabrik der Bayerischen Milchunion in Nürnberg wurde Trinkmilch „A“ mit Hilfe der neuen Perga-Maschine fortan in paraffingetränkte Spezialtüten abgefüllt.

Artikel in der NZ

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

Wie Milch in Tüten zum neuen Kassenschlager wurde

Von Ursula Tannert
Eine Anlaufstelle für Bratwurstliebhaber und gleichzeitig ein Stück Alt-Nürnberg wurde wieder eröffnet: das „Bratwurstherzle“ in der Brunnengasse, so gemütlich und schön wie früher. Die Familie Beckstein hatte das Lokal bereits vor dem Krieg in der Herzgasse hinter der Frauenkirche bewirtschaftet. Die Inneneinrichtung erinnerte an alte Zeiten: Wappen der Patrizierfamilien und vergilbte Stiche an den Wänden, Butzenscheiben, und jeden Bierglasdeckel zierte ein kupfernes Herz. Serviert wurden die Bratwürste natürlich auf echtem Zinngeschirr.
Täglich 50.000 Tütenmilch verkauft
Nicht nur für Bratwürste begeisterten sich die Nürnberger sondern auch für Tütenmilch! Die Bayerische Milchversorgung hatte eine Perga-Maschine angeschafft und Trinkmilch „A“, sonst nur in einer Flasche mit goldenem Kapselverschluss erhältlich, wurde nun in eine Paraffintüte gefüllt und zum Absatzschlager unter anderem, weil das „lästige“ Flaschenpfand entfiel. Täglich wurden 50.000 Tüten verkauft, und die „Milch-in-Tüten-Aktion“ war von allen Städten im Bundesgebiet in Nürnberg am erfolgreichsten.
Nach dem Krieg wurde die Nürnberger Singschule neu eröffnet; die Leitung übernahm wieder der Komponist und Chorleiter Waldemar Klink (1894–1979). Klink, der seinen 60. Geburtstag feiern konnte, gestaltete vor dem Krieg mit der Städtischen Singschule immer wieder Uraufführungen mit Werken zeitgenössischer Komponisten im Kulturverein am Frauentorgraben. Viele der ehemaligen „Singschul-Kinder“ wurden später Mitglieder der „Nürnberger Singgemeinschaft“.
Im Deutschen Theater in München fand das Internationale Tanzturnier der Professionals statt, an dem zwölf westeuropäische Meisterpaare teilnahmen. Das Ehepaar Margit und Paul Krebs, Inhaber der gleichnamigen Tanzschule in Nürnberg, wurde Dritter und erhielt stürmischen Beifall für den „Wiener Walzer“.
Zur Premiere des Films „Das ideale Brautpaar“ im Lu-Li (Luitpold-Lichtspiele) wurden sechzehn ideale Nürnberger Brautpaare ausgezeichnet. Gemeldet hatten sich Paare, die noch in den Flitterwochen lebten oder in diesem Jahr geheiratet hatten.
Am Sonntag, 21. Februar, herrschte im „Volksgarten“ am Dutzendteich ausgelassene Stimmung. Gegen 22 Uhr hatte die Kapelle nach einer kleinen Pause wieder zu spielen begonnen und 380 Närrinnen und Narren schwangen das Tanzbein, als eine explodierende Sprenggranate den Saal mit der fröhlich feiernden Faschingsgesellschaft in einen Ort des Grauens verwandelte.
Drei Tote, sechs Schwer- und fast fünfzig Leichtverletzte lagen am Boden oder irrten schreiend umher; Panik breitete sich aus. Rettungsdienste, Polizei, OB Otto Bärnreuther und Stadträte eilten an den Tatort. Der 19-jährige Attentäter lag zerfetzt im Garten, sein Vater erlitt bei dessen Anblick einen Schock. Der Freund des Attentäters bestritt zunächst jede Mitwisserschaft. Die Tatwaffe, eine 7,5 Zentimeter Panzerabwehrgranate, gefüllt mit 600 Gramm hochbrisanter Sprengladung und vermutlich ein Blindgänger, hatte der Täter wahrscheinlich auf dem ehemaligen amerikanischen Schuttplatz an der Regensburger Straße gefunden. Er hatte sie an einem Fensterbrett im Erdgeschoss des Saalbaus befestigt und zur Explosion gebracht. Die Polizei musste in mühevoller Arbeit Indiz um Indiz zusammentragen; die Hintergründe und das Motiv des Anschlags waren bis Monatsende noch nicht klar.
Nürnberg, die international anerkannte Stadt der Menschenrechte, musste von Dr. Arnold Rorholt, Vertreter des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlingsfragen, eine Rüge einstecken. Der Norweger hielt sich in Nürnberg auf, als ein brutaler Überfall, begangen von einer achtköpfigen Valkalagerbande auf die Gaststätte „Zollhaus“, die Öffentlichkeit beschäftigte. Mit Stuhlbeinen und Fußtritten hatten die Täter den Wirt und dessen Schwager schwer verletzt. Die Bevölkerung war empört und fühlte sich durch die Existenz des Valkalagers mehr und mehr bedroht.
Vor diesem Hintergrund verlangte Rorholt „mehr Positives über Valka“, denn durch die negative Berichterstattung hätten die Ausländer, die weder als Flüchtlinge anerkannt waren noch Asylrecht beanspruchen konnten, keine Chance, in andere Länder auszuwandern. Dies konnte nicht im Interesse der deutschen Bevölkerung sein.
Dawlath Soliman, ehemalige Lieblingstänzerin des letzten ägyptischen Königs Faruk (1920–1965), sorgte für Furore. Allabendlich trat sie im Cabaret „tabu“ in der Luitpoldstraße mit ihrem berühmt-berüchtigten „Tanz der Brautnacht“ auf. Als sie eine Einladung erhielt, auf der Berliner Viererkonferenz bei einem Gala-Empfang der Sowjetbotschaft aufzutreten, wollte Direktor Wolff Lehner die große Zugnummer seines Programms nicht einmal für einen Tag aus ihrem Vertrag entlassen.
Soliman wiederum wollte die „Chance ihres Lebens“ wahrnehmen und begab sich mit ihrem Manager zum Flughafen. Dort kam es zu dramatischen Szenen. Direktor Lehner versuchte zusammen mit Geschäftsfreunden, Soliman zurückzuhalten, entriss ihr die Flugkarte und zerfetzte sie, während ein „Komplize“ mit dem Koffer der Tänzerin davonfuhr. Soliman und ihr Manager retteten sich in das Flughafenbüro, bis die Polizei eintraf; später erlitt sie in ihrem Hotel einen Nervenzusammenbruch. Wolff Lehner wurde Urkundenvernichtung und versuchte Freiheitsberaubung vorgeworfen.

Literatur

  • Ursula Tannert: Das war Nürnberg im Jahr 1954: Wie Milch in Tüten zum neuen Kassenschlager wurde. In: Nürnberger Zeitung vom 26. Februar 2009.


Siehe auch