Die erste Chefin rauchte Pfeife

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Der lange Weg der Frauen in den Journalismus

Die erste Chefin rauchte Pfeife

Von Petra Nossek-Bock

Es gibt Berufe, bei denen wundert sich niemand, dass sie lange Zeit eine Männerdomäne waren. Meist war die Arbeit körperlich anstrengend und entsprechend schwer für Frauen zu bewältigen. Andere Gebiete, vor allem wenn es sich um Tätigkeiten auf technischem Gebiet handelte, interessierten viele Arbeitnehmerinnen nicht. Warum allerdings die Frauen in den Redaktionen der Printmedien und damit auch der »Nürnberger Zeitung« mehr als 100 Jahre überhaupt nicht vorkamen, obwohl das Halten von Stift und Block kaum Kraft erforderte, sie später nur in so genannten Nischenressorts, in denen über Kinder, Küche, Kirche berichtet wurde, Fuß fassten, ist im Rückblick nur schwer zu ergründen.

Sicher ist diese Entwicklung mit dem Frauenbild der jeweiligen Epochen verknüpft. Doch im 19. Jahrhundert gab es durchaus Frauen, die literarisch auf sich aufmerksam machten. Anfang des 20. Jahrhunderts, in bewegten Zeiten, meldeten sich Frauenrechtlerinnen öffentlich zu Wort.

Im technischen Betrieb der »Nürnberger Zeitung« gab es schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Frauen. Sie halfen beim Bündeln und Verpacken der Zeitungen. Später nahmen sie im Vorzimmer der Schriftleitung Platz. Wenig aufschlussreich ist es, die alten Bände durchzublättern, denn sie vermerken nicht, ob es sich bei den Verfasserinnen von Nachrichten und Reportagen um fest angestellte oder freiberuflich tätige Journalistinnen handelt oder um gelegentliche Autorinnen aus anderen Tätigkeitsfeldern.

Von 1913 bis 1943 fehlen Frauennamen im Impressum der »Nürnberger Zeitung«. 1932 finden sich dort nur die Namen von zehn Redakteuren. Zwischen 1933 und 1943 änderte sich zwar fast alles, aber dieser Aspekt nicht. In den 50er Jahren, als das Frauenbild noch eng mit der Mutterrolle verknüpft war, tauchen immer wieder weibliche Namen unter den Artikeln auf. Allerdings handelt es sich meist um typisch weibliche Themen. Da schreibt beispielsweise Anni Ott über Trachten. Am 4. September 1965 wird eine Sonderausgabe zur Einweihung der Spandel-Druckerei veröffentlicht. Alle Abteilungen des Hauses, darunter auch die Redaktion, werden in Wort und Bild vorgestellt. Frauen sind auf den Fotos nur wenige zu entdecken.

In Nürnberg gab es in den 50er Jahren durchaus Frauen, die ihr Geld mit Journalismus verdienten oder mit Fotografie. Sie waren aber die Ausnahme. Die Wende hin zu einer breiteren Öffnung des Berufs für Frauen erfolgte erst zwischen 1970 und 1980. Eingeleitet wurde sie vom Fernsehen. Am 12. Mai 1971 moderierte Wiebke Bruhns zum ersten Mal die Nachrichtensendung »heute« im ZDF. Sie löste eine heftige Diskussion darüber aus, ob Frauen überhaupt in der Lage seien, harte Nachrichten glaubwürdig und angemessen zu vermitteln.

In Nürnberg waren die Zeitungshäuser inzwischen offener geworden. Anfang der 70er Jahre gehörten mehrere junge Frauen zum Redaktionsteam. Stellvertretend für sie soll nur der Name der Feuilletonistin Irma Schlagheck genannt werden. 1975 begann eine couragierte Frau, die es weit bringen sollte, ihr Volontariat in der »Nürnberger Zeitung«: Helga Schultheiß. Nach Abschluss ihrer Ausbildung war sie in der NZ am Wochenende tätig. Nachdem sie die Abteilung zunächst kommissarisch geleitet hatte, wurde sie die erste Ressortleiterin in der Geschichte der NZ. Sicher lag ihr schneller Aufstieg nicht daran, dass sie Pfeife rauchte. Das dementiert sie noch heute lachend. Auch die Unterstellung, sie brauche »nur mit den blauen Augen zu gucken, um alles zu bekommen«, amüsierte sie mehr, als dass es sie ärgerte. »Ich war gut ausgebildet, hatte Spaß an der Arbeit und pflegte ein offenes Wort mit der Chefredaktion und dem Verleger«, sagt sie.

Eine ihrer ersten Taten war übrigens die Abschaffung der Frauenseite. Leserinnen sollten nicht in eine Ecke geschoben werden, sondern in der ganzen Zeitung Interessantes finden, war Schultheiß' Credo, das bis heute Bestand hat. Aus familiären Gründen schied die Ressortleiterin und Mutter 1985 aus.

Inzwischen haben Frauen in den Medien aufgeholt. In den Printmedien liegt ihr Anteil Anfang des 21. Jahrhunderts bei 31 Prozent. Bei den Tageszeitungen ist allerdings nur jeder vierte Beschäftigte weiblich. Diese Entwicklung hat längst Einzug in die NZ gehalten. Obwohl es Anfang der 80er Jahre noch häufig vorkam, dass Anrufer den »Herrn Redakteur« zu sprechen verlangten und sich gar nicht vorstellen konnten, dass die Frau am Telefon diesem gleich gestellt war, ist der Frauenanteil kontinuierlich gestiegen. War Helga Schultheiß zu ihrer Zeit immer die einzige Frau in der Redaktionskonferenz, gibt es heute Tage, an denen die Frauen am langen Konferenztisch dominieren.

Unter den 60 fest angestellten Redaktionsmitgliedern befinden sich aktuell 21 Frauen und 39 Männer. Damit liegt die »Nürnberger Zeitung« über dem Bundesdurchschnitt. In Führungspositionen sind die Redakteurinnen aber - ähnlich wie in vielen anderen Berufen - noch rar. Die Gründe dafür sind vielfältig und kaum anders als in anderen Branchen. Helga Schultheiß ficht das nicht an. Von der gläsernen Decke, an die Frauen mittleren Alters stoßen und die ihren Aufstieg verhindert, will sie ebenso wenig wissen wie davon, dass sich Familie und der Journalistenberuf nicht vereinbaren lassen.

Seit den 90er Jahren gibt es einige Redakteurinnen, die beides gut miteinander verbinden, und sie finden sich längst in allen Ressorts. Auch eine Chefin vom Dienst hat die NZ inzwischen.

Schultheiß glaubt, dass eines Tages »eine Chefredakteurin das NZ-Team leitet«. Die Chancen stehen nicht schlecht dafür. Immerhin ist jeder zweite Berufseinsteiger bei den Printmedien weiblich, und auch bei den neuen NZ-Volontären herrscht Parität. Anfang Oktober beginnen zwei Nachwuchskräfte hier ihre Ausbildung: ein Mann und eine Frau.

Ich pflegte ein offenes Wort mit der Chefredaktion und dem Verleger. Helga Schultheiß


Verabschiedeten ihre Ressortleiterin Helga Schultheiß (mitte): Die Redakteure der Wochenendbeilage Friedrich G. Stern, Magnus Zawodsky, Sekretärin Carola Aicher und Dr. Holger Jergius (v.l.n.r.)