Gregor Samsa

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Kneipe und Kunst präsentieren Marcel (re.) und Peter Hoyer, die Betreiber des „Gregor Samsa“.

Gregor Samsa heißt Nürnbergs älteste Künstlerkneipe. Seit 34 Jahren hält Wirt Peter Hoyer hier die Tradition der "Bierrente" aufrecht: Stammkünstler des Hauses bezahlen quasi bei ihm mit Kunst. Weshalb die zwei Räume der Wirtsstube bis an die Decke voll mit Gemälden sind, allen voran die der "gregorianischen" Maler Peter Angermann, Harri Schemm, Dan Reeder oder Peter Hammer. Aber auch Musiker wie Klaus Brandl oder Martin Philippi sind eng mit der Geschichte der Klause verbunden. Der Kneipen-Name "Gregor Samsa" ist Franz Kafkas Buch "Die Verwandlung" entlehnt, denn bei der Eröffnung war das Wirtshaus als literarischer Treffpunkt gedacht. Künstler wie Gregor Hiltner und Klaus Schlesiger standen damals hinterm Tresen. Unweit des Stadtparks in der winkeligen Mörlgasse gelegen, lautet die offizielle Postadresse Maxfeldstraße 79. Als Geheimtipp gilt die Wirtschaft nicht nur Kunstinteressierten, sondern auch in kulinarischer Hinsicht als interessant. Wirt Peter Hoyer, 1947 in Böhmen geboren, hat unter anderem ein gutes Dutzend Gulasch-Sorten auf der Speisekarte stehen.

Siehe auch

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Artikel in der NZ:

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

Im Kreisel
Besuch in der Kunst-Kneipe »Gregor Samsa«
Von Christian Mückl'
'Geschossen wurde nur einmal in den 33 Jahren. Der Kerl hatte Lokalverbot erhalten. Er zückte die Gaspistole, drückte ab. Wirt Peter Hoyer musste ein paar seiner borstigen, grauen Haare lassen. Das mit dem Haarverlust ist untypisch für das »Gregor Samsa« in Nürnbergs Nordstadt. Selten, dass einer rausfliegt. Trotzdem lichten sich die Häupter der Gäste - vom Wirt zärtlich »Gregorianer« genannt - zusehends. Mit Tresenschüssen hat das aber nichts zu tun, es liegt am fortgeschrittenen Jahrgang: In dieser Kneipe ist schon mancher gereift. Musiker wie Klaus Brandl, Chris Schmitt und Mitch Sauer trinken hier ihr Bier; Maler wie Peter Angermann, Harri Schemm, Dan Reeder und Peter Hammer gehören quasi zum Inventar. Einer Nachtakademie der Schönen Künste kommt das bunte Wirtshaus gleich. Einem Taubenschlag der Temperamente: »Das Gregor ist wie ein Misthaufen«, sagt Peter Hoyer, »ich bin der Hahn«.
Die Gastwirtschaft mit ihren Wänden und Decken voller Gemälde, den Holztischen, den Kerzen und dem alten Kanonenofen zu finden, ist kompliziert. Peter Hoyer erging es seinerzeit nicht anders: »Zwei Tage lang bin ich herumgelaufen«, erinnert sich der gebürtige Böhme, bevor er die versteckt in der winkligen Mörlgasse gelegene Klause im Jahr 1973 zum ersten Mal betrat. Vieles war anders. Gregor Hiltner und Lionel van Meylen, die die Schänke 1970 gründeten, hatten ursprünglich ein literarisches Café im Sinn. Der Kneipenname, der Kafkas Käfergeschichte »Die Verwandlung« entlehnt ist, zeugt noch heute davon.
Von Conny Wagner und Rainer Zitta bis hin zu Klaus Schlesinger und Dieter Rosetzky hat während der vergangenen 33 Jahre so manches Nürnberger Urgestein hier mitgezapft. Eine wechselvolle Geschichte steckt in dem Haus. Beherbergte es vor dem Zweiten Weltkrieg noch das bodenständige »Stadtparkstüberl«, war es Jahrzehnte später sogar einmal als Rockertreff verschrien. Seit 33 Jahren gibt es Nürnbergs urtümlichste Künstlerkneipe, die man auch über eine Einfahrt an der Maxfeldstraße 79 erreichen kann.
In wie weit das 1916 erbaute Gebäude tatsächlich als Bordell fungierte, bevor es »gregorianisiert« wurde, hängt von der Geschichtsfantasie des jeweiligen Erzählers ab. Fest steht: Peter Hoyer betreibt hier mit seinem Familienbetrieb die wohl ambitionierteste Gulasch-Kanone westlich von Prag - elf Sorten führt die handgeschriebene Speisekarte inzwischen auf. Und dass der Wirt es zu einer denkwürdigen Kunstsammlung gebracht hat, ist ebenfalls nicht zu übersehen. Auf die »richtige Mischung aus Kitsch und schwarzem Humor« legt er bei der Auswahl der Werke Wert. Das Gemälde »Der Tod und das Mädchen« etwa ist aus Peter Hammers Schmiede. Ein Bild mit Zeitschaltuhr, allabendlich beginnt sich darauf um 19 Uhr ein Skelett zu drehen. Erst mit dem Zapfenstreich zu nächtlicher Stunde stehen die morbiden Zeiger wieder still.
Von Eifersucht, Gier und Rausch erzählen andere Werke im Stil der Neuen Sachlichkeit oder eines farbprallen Expressionismus. Zwischen Dan Reeders hechelndem Hundeporträt und Harri Schemms Gemälde »Asylanten«, das Flusspferde à la »Elsbeth« vor fränkischer Landschaft zeigt, wurde auch so manches menschliche Nachtschicksal hier verewigt.
Live-Musik gehört regelmäßig dazu. Zum Blues der Herren Hammer, Brandl und Schmidt tanzte der 56-jährige Chef erst kürzlich höchstpersönlich. Ein Schwarz-Weiß-Foto neben der Küchentür erinnert an einen weiteren Helden der Kaschemme: Der inzwischen verstorbene Blues-Gitarrist Martin Filippi hielt während der 70er Jahre im Kneipen-Keller Sessions ab. In diesen Zeiten muss auch das Kneipen-Klavier kaputt gegangen sein. Klaus Brandl klopfte angeblich einen Abend lang so lange mit den Stiefeln im Takt, bis der Deckel brach.
Anderes hielt. Das erste gemalte Kneipenschild zum Beispiel, mit dem Peter Angermann in den 70er Jahren seine Zeche zahlte, hängt noch immer über den Köpfen am Tresen. Gemeinsam mit Blala Halmann und Peter Hammer lebte Angermann über dem »Gregor« als WG. Hammer haust bis heute unter diesem Dach.
So erscheint das »Gregor Samsa« wie ein Dorf, ein Zufluchtsort, ein Jahrmarkt der Geschichten. Der Wirt Peter Hoyer vergleicht die Kundschaft seiner Kneipe -etwas gewagt - mit einem Kreisel: »Es reicht, wenn man ab und zu mal oben draufdrückt. Dann drehen sie sich wieder von selbst«.