Heimatpflege (Gustav Roeder)

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Der Artikel Heimatpflege (Gustav Roeder) enthält einen Vortrag des ehemaligen Chefredakteurs der Nürnberger Zeitung , Gustav Roeder.

Gustav Roeder

Inhaltsverzeichnis

Zur Vorgeschichte

Gustav Roeders Spezialität ist – wie er sagt - die kultur- und kunstgeschichtliche, geschichtliche und volkskundliche Beschreibung von Kulturlandschaften. Insofern ist dieser Vortrag Gustav Roeders über „Heimatpflege“ ein Schlüsselartikel besonderer Art. Roeder hielt seinen Vortrag anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Geschichts- und Kulturkreises Schwaig-Behringersdorf am 12. April 2002 in der Maria-Magdalena-Kirche in Behringersdorf. (1) Abgesehen vom Thema „Heimatpflege“ ist Roeders Vortrag auch eine Quelle für seine Biographie und für die Geschichte von Schwaig-Behringersdorf.

Heimatpflege in einer mobilen Gesellschaft

Von Gustav Roeder

Das Wort Heimatpflege kommt im Duden gar nicht vor, auch in der neuesten Auflage nicht. Aber im Freistaat Bayern kommt es vor. Hier gibt es nämlich seit 40 Jahren sieben hauptamtliche Bezirksheimatpfleger, für jeden Regierungsbezirk einen. Und ehrenamtliche Kreisheimatpfleger gibt es, die sind dann ehrenamtlich. Die Inhaber dieser Ämter müssen wissen, was gemeint ist. Sie haben sich schließlich an Artikel 48 Absatz 2 der Kommunalordnung zu orientieren. Und die Kompetenz des ersten mittelfränkischen Bezirksheimatpflegers Ernst Eichhorn wie auch seines Nachfolgers Dr. Kurt Töpner, der vor einigen Monaten in den Ruhestand getreten ist, läßt erst gar keinen Zweifel darüber aufkommen, dass Heimatpflege notwendig und nützlich ist.

Denkmalpflege wird im allgemeinen höher eingeschätzt als Heimatpflege. Denn Denkmale sind zu sehen, auch die Boden- und Naturdenkmale, sie müssen von Staats wegen geschützt und gepflegt werden. Aber Heimat ist, Bezirkspfleger hin oder her, doch Sache des Einzelnen. Heimat gehört zum Eigensten, was ein Mensch besitzen kann, zur Privatsphäre, sogar zur Intimsphäre, wenn wir unter Heimat das Geburtshaus verstehen, oder auch das Haus, in dem jeder für sich sein und wohnen will. Wenn es auch Sache des Einzelnen ist, mit seiner Heimat pfleglich umzugehen, muß es möglich sein, dass einige Gleichgesinnte den gemeinsamen Wohnort, sei er nun die alte oder die neue Heimat, stärker ins Bewußtsein rücken, dass sie versuchen, der Gleichgültigkeit entgegenzutreten, mit der ein großer Teil der Gesellschaft seine Umgebung betrachtet - oder behandelt. In diesem Sinne kann sehr wohl Heimatpflege als Aufgabe gestellt werden, ob nun der Duden das Wort kennt oder nicht.

Die Frage, für wen solche Anstrengungen gemacht werden, steckt im zweiten Teil meines Vortragsthemas: „in einer mobilen Gesellschaft“. Diese mobile Gesellschaft wird eben nicht von der Lust getrieben, die unmittelbare Nähe immer stärker und immer intensiver zu erleben, das Gewordene aus dem Vergangenen, die jetzige Generation aus der vorigen zu begreifen. Nicht der Hinweis auf bauliche oder historische Denkwürdigkeiten ist wichtig, sondern das Richtungsschild zur nächsten Autobahn. Man braucht einen Verkehrsentwicklungsplan, eine gute Verkehrsinfrastruktur man braucht breite Straßen und vor allem große Parkplätze. Dass auch eine S-Bahn gute Dienste leistet, und dass für den Schwergüterverkehr neben dem Schienen- auch noch ein Wasserweg vorhanden ist, sei nur am Rande erwähnt, es ist nicht mein heutiges Thema - unser Geschichts- und Kulturkreis hat sich indessen auch damit befaßt.

Das Unterwegssein war zu allen Zeiten Kennzeichen menschlicher Existenz. Das ist nicht mit unseren nomadisierenden Vorfahren zu Ende gegangen. Der Landwirt legte bis in unsere Zeit hinein riesige Wege zurück - eigentlich war die Landwirtschaft auch ein Transportunternehmen. Aber erst im 20. Jahrhundert wurde die Gesellschaft so richtig mobil. Das geschah in zwei Revolutionen: die erste war die Motorisierung, die zweite die Computerisierung. Mit Hilfe der letzteren ist die Menschheit auf eine ganz neue Art Wanderschaft gegangen. „An unserem Computer können wir dank den Webcams virtuell rund um den Globus unterwegs sein, ohne dass wir auch nur vom Stuhl aufstehen müssen“, schreibt die „Folio“-Beilage der Neuen Zürcher Zeitung.

Mobile Gesellschaft: Das heißt nicht nur, dass zu jeder Familie und zu jedem Single ein fahrbereites Auto gehört, das heißt auch, dass im Berufsleben ständiger Wandel und damit die Bereitschaft zum Wechsel des Arbeitsplatzes erwartet wird - hundert Kilometer sollen da keine Rolle mehr spielen. Wer das nicht akzeptieren will, muß unter Umständen auch Konsequenzen tragen.

Damit verliert Heimat zwangsläufig immer mehr an Bedeutung. Für den eigenen Arbeitsplatz soll das Zuhause eine untergeordnete, für das Freizeitverhalten überhaupt keine Rolle mehr spielen. Ist die Pendlerei an den fünf Arbeitstagen vorüber, lockt das Wochenende an die fränkischen Seen, in die Fränkische Schweiz, vielleicht sogar in die Alpen. Was bedeutet da noch Heimat?

Ganz einfach: Die Rückkehr. „Ich geh heim!“ In diesen drei Worten, so banal sie aufs erste klingen mögen, schwingt Sehnsucht mit, das Streben nach Geborgenheit. Friedrich Hölderlin wird vom Gedanken an die „Heimkunft“ - so der Titel einer seiner großen Elegien - ergriffen wie selten:

„... das Geburtsland ists, der Boden der Heimath,

Was du suchest, es ist nahe, begegnet dir schon.“

Doch als er ein großes Gedicht mit dem Titel „Heimath“ entwirft, schreibt er die Worte aufs Papier

„und niemand weiß“.

Dann läßt er eine große Lücke, um sie - vielleicht - später auszufüllen, wenn er eine Definition gefunden hat. Er wußte nicht weiter, die Lücke blieb offen.

Solche Ratlosigkeit, beim Dichter Ausdruck schreiender Not, treffen wir täglich an, wenn es um Heimat geht. Aber eher aus Gleichgültigkeit. Heimat, Geborgenheit also, wird vorzugsweise in den eigenen vier Wänden gesucht. Diese sind aber wieder via Fernsehen mit der Außenwelt verbunden, und so ist das Fernweh ein Teil der Heimat geworden. Die Nachbarschaft, worunter nicht allein die Menschen im nächsten Haus zu verstehen sind, erscheint weitgehend gleichgültig.

Heimatpflege hat es da schwer. Sie kümmert sich um Dinge, die in den Städten, auf dem Lande, an den Stadträndern, vielen ferner gerückt sind, vor allem der jungen Generation, die sich, wie gesagt, zu Hause auf den Weg rund um den Globus macht. Vielleicht kommt beim Internet-Surfen einmal zufällig der Satz Odo Marquards „Zukunft braucht Herkunft“ (3) auf den Monitor. Zufällig - in meine Rede ist er nicht zufällig, sondern absichtlich eingefügt. Denn er gibt das Stichwort auch für Heimatpflege.

Heimatpflege bemüht sich, Antworten auf die Frage „Woher kommen wir?“ zu finden. Im konkreten Fall Schwaig-Behringersdorf: Die bessere Präsentation der bronzezeitlichen Grabfunde am Waldrand von Behringersdorf gehört ebenso dazu wie die Erforschung der Kirchengeschichte, der bäuerlichen Siedlungen, des Reichswalds, des Zeidlerwesens, der Schlösser, der Brücken, der Verkehrswege, der Eisenbahnen.

Gerade weil der Einzelne, auch die einzelne Familie, versucht ist, aus der Heimat in die Ferne zu streben, attraktiveren Zielen entgegen, scheint es der Mühe wert, die Flüchtenden festzuhalten, ihnen im Kleinen den Blick aufs Große zu weiten. Ist es jedem bekannt, welcher Reichtum im Kleinen und Kleinsten zu finden ist?

Der Staatsbürger - in diesem Fall muß wohl eher gesagt werden: der Gemeindebürger - ist im allgemeinen geneigt, das vermeintlich unausweichliche geschehen zu lassen. Meist ist er ja sowieso ohnmächtig. Die Veränderungen begreifbar zu machen, ist Aufgabe heimatpflegerischer Darstellung.

Die Gemeinde führt penibel ihre Archive, wir wollen das mal unterstellen. Sie listet akribisch in Zahlen auf, wie sie sich entwickelt, welche Steuerkraft sie hat, welche Projekte realisiert worden sind, wo und wie Wünsche und Forderungen der Bürger erfüllt, wo und warum sie verweigert werden. Aufgabe heimatpflegerischer Arbeit ist es, die Vorgänge für jedermann faßbarer und erlebbarer zu machen, sie aus dem Archivstaub herauszuholen, ihnen Leben einzuhauchen. Heimatpflege will festhalten, was war, um – im Sinne Odo Marquards - das Gegenwärtige aus dem Vergangenen heraus begreifbar zu machen. Das kostet Mühe und macht nur dann Freude, wenn die Gewißheit besteht, dass die mobile Gesellschaft solche Anstrengungen anerkennt.

Ich bin 1963 nach Nürnberg, 1966 nach Behringersdorf gezogen. Ich habe noch erlebt, wie die Gemeinden Behringersdorf und Schwaig zu zwei getrennten Landkreisen gehört haben. In einer ersten Verwaltungsreform ist der Landkreis Nürnberger Land gebildet worden. Wer das bewußt mitverfolgt hat, dem ist auch noch der Protest der Hersbrucker im Gedächtnis, die sich zwar nicht lautstark gegen den Wegfall ihrer Kreisstadt, dafür sehr vehement gegen den Verlust ihres Autokennzeichens HEB gewehrt haben. Dann kam die nächste Verwaltungsreform mit der nicht ganz einfachen Vereinigung der beiden Gemeinden links und rechts der Pegnitz. Das ist nun bald 26 Jahre her und wurde von der Gemeinde liebevoll gewürdigt. Zu Anfang meiner Behringersdorfer Jahre gab es hier acht landwirtschaftliche Betriebe, in Schwaig ebenfalls acht. Seit zehn Jahren sind in Behringersdorf noch drei Bauern registriert, in Schwaig ist es nur noch ein einziger. Die Rinderzucht ist so gut wie verschwunden, dafür spielt die Pferdezucht eine große Rolle. Die Feldbebauung hat sich völlig verändert, das Erdbeerpflücken ist seit Jahren ein Erwerbszweig.

Das alles sind Entwicklungen, die von der mobilen Gesellschaft auch registriert werden - schließlich sehen Jogger und Hundeliebhaber, die von den täglichen Bedürfnissen ihrer Tiere zum Spaziergang gezwungen werden, was in Wald und Flur und Pegnitzgrund passiert. Heimatpflege registriert solche Veränderungen leidenschaftlicher als die aktiven Verursacher einerseits und die leidenschaftslosen Zeitgenossen andererseits, deren Sinne mehr auf den nächsten Auslandsurlaub als auf die engste Umgebung gerichtet sind.

Wenn es einer intensiven Heimatpflege gelänge, den Davoneilenden das Bewußtsein zu verschaffen, dass sie in ihrer „Heimkunft“, im „Boden der Heimath“, eine Geborgenheit in der Tradition ihres Zuhause erfahren können, wäre viel gewonnen. Selbstverständlich will „Heimatpflege“ mehr. Sie kann aber nur Angebote machen: Erlebt, was euch umgibt! Heinrich Heine hatte in seinem „Meergruß“ (4) die Wasser der Nordsee im Auge. Aber wir können beim Lesen (oder Anhören) seines Gedichts ebenso die Pegnitz vor unsere Sinne holen:

„Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,

Wie Träume der Kindheit seh ich es flimmern.“

Indem wir versuchen, Reales dingfest zu machen, pflegen wir solche Gefühle. Darum geht es. Auch in einer mobilen Gesellschaft.

Literatur

  • Hartmut Heller: Der Heimatbegriff und seine historisch gewachsene Vielschichtigkeit. In: Fürther Heimatblätter, NF 37, 1987, Heft 4, S. 85-97

Einzelnachweise und Anmerkungen

(1) Wiedergabe im Internet mit freundlicher Genehmigung von Gustav Roeder. Roeders Vortrag sollte eigentlich in den Mitteilungen der Altnürnberger Landschaft e.V. erscheinen.