Journalistischer Geburtshelfer

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Wie ein Artikel über das erste deutsche »Retortenbaby« im Januar 1982 für Furore sorgte

Journalistischer Geburtshelfer

Von Dietmar Wittmann

Am Mittwoch, 13. Januar 1982, erschien auf den Seiten eins und sechs der »Nürnberger Zeitung« ein Exklusiv-Bericht, der die NZ wochenlang in den Schlagzeilen halten sollte. Er und die folgenden Artikel wurden bundesweit immer wieder zitiert und standen am Anfang eines medizinischen Durchbruchs in Deutschland, der die moderne Reproduktionsmedizin bis heute beeinflusst.

Die Schlagzeile der NZ, die ein einzigartiges Medienecho auslöste und Tausenden von kinderlosen Frauen neue Hoffnung auf Nachwuchs machte, lautete: »Medizinische Sensation in Erlangen - Die ersten drei Retortenbabys.« Später stellte sich heraus, dass sogar vier Mütter mit »Retortenbabys« schwanger waren. Siegfried Trotnow, Leiter des Erlanger Ärzteteams, wollte mit seinen ersten Erfolgen so schnell eigentlich nicht an die Öffentlichkeit treten. Geplant waren zunächst, wie in der Wissenschaft üblich, Berichte in Fachpublikationen und - zur medizinischen Absicherung - weitere extrakorporale Befruchtungen in der Erlanger Frauenklinik.

Vertrauliche Informationen, die der NZ aus verschiedenen Quellen zugingen, und schließlich deren Bestätigung aus nächster Nähe des Expertenteams, machten den Exklusivbericht vorzeitig möglich. Die NZ wurde damit zum - journalistischen - Geburtshelfer der ersten geglückten »In-vitro-Fertilisation« (IVF) in Deutschland. Was heute medizintechnisch längst Routine ist, war im Januar 1982 für die deutsche Wissenschaft eine Pionierleistung ersten Ranges. Obwohl das erste Retortenbaby der Welt - Louise Brown - schon 1978 in Oldham bei Manchester zur Welt gekommen war und auch in den USA und Australien einige IVF-Schwangerschaften glückten, hatte die deutsche Premiere einen ganz besonderen Stellenwert.

Fachleute sprachen von einer Aufsehen erregend hohen Erfolgsquote der Erlanger Ärzte: Bei nur 36 Versuchen war es immerhin zu drei erfolgreichen Schwangerschaften gekommen. Damit lag die Uniklinik Erlangen gemeinsam mit dem Royal Women's Hospital in Melbourne bei den künstlich hervorgerufenen Schwangerschaften an der Spitze in der Welt.

Mitte der 70er Jahre waren ähnliche Experimente an der Uniklinik Erlangen abgebrochen worden, weil das Geld fehlte. Zu Beginn des Jahres 1981 begann das Erlanger Ärzteteam um Siegfried Trotnow dann erneut mit der laparoskopischen Oozytengewinnung bei Frauen in unfruchtbaren Ehen. Das Team war hier der Erfolg. Der damalige Direktor der Frauenklinik, Professor Karl-Günther Ober, hob später die »Sorgfalt« und den »Zusammenhalt der Ärzte, die wirklich rund um die Uhr gearbeitet haben«, hervor.

Es war ein medizinisches Abenteuer, dem ausgedehnte Tierversuche vorausgegangen waren. Die ersten Schritte sind in den Annalen der deutschen Reproduktionsmedizin festgehalten: Bei der Patientin Nummer eins wurde am 5. August 1981, 60 Stunden nach der Eizellgewinnung und der Befruchtung mit dem Sperma des Ehemannes, ein Acht-Zeller in die Gebärmutter transferiert. Im zweiten Fall kam es zum Transfer eines Vier- und eines Achtzell-Embryos 54 Stunden nach der laparoskopischen Eizellgewinnung.

Bei beiden Frauen blieb zwei Wochen nach der Oozyten-Entnahme die Regelblutung aus. Auch bei einer dritten und vierten Patientin erkannten die Ärzte »alle Schwangerschaftsanzeichen«. Als erstes deutsches »Retortenbaby« wurde dann im April 1982 Oliver Wimmelbacher geboren. »Das ist es«, titelte die Illustrierte »Quick«, die die Exklusivrechte von den Eltern des gesunden Babys bekommen hatte, voller Stolz. »Es war der Durchbruch in der Reproduktionsmedizin«, sagt der jetzige Leiter der Erlanger Uni-Frauenklinik, Professor Matthias W. Beckmann. Die IVF-Methode hat seiner Einschätzung nach auch heute noch weltweit und ganz besonders an der Uni-Frauenklinik Erlangen einen »zentralen Stellenwert«.

In der Folgezeit gelangen der Erlanger Ärztegruppe weitere Erfolge. Bis zum Juli 1983 wurden elf und bis zum März 1984 bereits 27 Kinder mit der IVF-Methode gezeugt. Heute ist die »In-vitro-Fertilisation« an vielen Kliniken tägliche Routine. In Deutschland, wo etwa 1,5 Millionen Paare ungewollt kinderlos sind, wird jedes 80. Kind im Reagenzglas gezeugt. Über 40 000 Frauen nehmen jedes Jahr die Behandlung auf sich.

Weitere Fortentwicklungen hatten der künstlichen Zeugung zusätzlichen Anschub verliehen. War die IVF-Methode zur Behandlung weiblicher Unfruchtbarkeit gedacht, so gibt die ICSI-Variante, bei der eine männliche Samenzelle direkt in die Eizelle eingeschleust wird, seit Anfang der 90er Jahre die nötige Hilfestellung für ein Versagen auf männlicher Seite.

Durch ICSI bekam die »In-vitro-Fertilisation« einen neuen Zustrom von Patientinnen und einen »noch zentraleren Stellenwert in der Reproduktionsmedizin«, sagt der Erlanger Klinikdirektor. Gleichzeitig konnte in Erlangen auch das Behandlungsalter der Frauen angehoben werden. Beckmann: »Frauen haben heute bis 40 Jahre noch eine Chance.«

Auch die Kryokonkonservierung brachte Vorteile für die »In-vitro-Fertilisation«. Die in vitro hergestellten Embryonen mussten nicht mehr unmittelbar der Frau eingesetzt werden, sondern konnten zwischenzeitlich in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad eingefroren werden. Wieder war es die Erlanger Uni-Frauenklinik, wo im Jahre 1986 - erneut unter der Führung von Siegfried Trotnow - das erste »Tiefkühlbaby« der Nation geboren wurde.

Die Geburt der ersten »Retortenbabys« in Erlangen hat die Tür zur Zukunft der nicht unumstrittenen, teilweise von erregten ethischen Diskussionen begleiteten Reproduktionsmedizin aufgestoßen. Jede neue Technik wird unter diesen Gesichtspunkten streng kontrolliert werden müssen. So ist zum Beispiel die Präimplantationstechnik, mit der in anderen Ländern schwere genetische Erkrankungen noch im Reagenzglas erkannt werden, in Deutschland nicht erlaubt. Die Furcht vor Missbrauch durch Selektion ist hier berechtigt.

Für ein bestimmtes Patientenklientel würde die Präimplantation aber Vorteile bringen, meint Professor Beckmann. Dennoch schätzt er den Widerstand so groß ein, dass er in Zukunft nur mit einigen wenigen Zentren in Deutschland rechnet. In Erlangen denkt man gegenwärtig nicht daran.

Dafür hat man eine Behandlung zur Praxisreife gebracht, die für krebskranke Frauen, die sehr früh eine Krebstherapie bekommen, durch welche die Eierstöcke geschädigt werden können, neue Hoffnung bringt. Nur in Erlangen und in New York ist es möglich, das gesunde Ovalgewebe dieser Patientinnen vor der Tumorbehandlung einzufrieren und später zu reimplantieren. Vertrauliche Informationen, die der NZ aus verschiedenen Quellen zugingen, machten den Exklusivbericht vorzeitig möglich.

Die Geburt der ersten »Retortenbabys« in Erlangen hat die Tür zur Zukunft der nicht unumstrittenen, teilweise von erregten ethischen Diskussionen begleiteten Reproduktionsmedizin aufgestoßen.

Kleiner Mann, ganz großes Aufsehen: das erste deutsche »Retortenbaby«. Foto: ap