Klettern in Franken

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Wolfgang Völker nimmt den Wolfstein bei Obertrubach in Angriff.
Foto/(c): Rothmund/NZ

Mit über 8.000 Kletterrouten an mehr als 1.000 Felsen zählt der nördliche Frankenjura zwischen Bamberg, Nürnberg, Amberg und Bayreuth zu den bedeutendsten Klettergebieten Europas. Die "Fränkische" hat einige Marksteine der Klettergeschichte hervorgebracht und lockt Jahr für Jahr zehntausende Sportkletterer aus der ganzen Welt an.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bereits zur Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde in der Fränkischen Schweiz geklettert. Die erste „Bergfahrt“ datiert der Kletterführerautor Rudl Buchner auf das Jahr 1878. Zu den frühen Pionieren des Kletterns in der Fränkischen zählen der aus dem Elbsandstein eingewanderte Dresdner Fritz Brosin, an den heute die Brosinnadel im Lehenhammertal erinnert, der Nürnberger Architekt Richard Prell (Prellstein bei Hirschbach), der auch eine der ersten Wanderkarten für die Hersbrucker Schweiz herausbrachte und die ebenfalls aus Nürnberg stammende Seilschaft Toni Rockstroh und Georg Vollrath. Die beiden kletterten bereits vor dem ersten Welktkrieg Routen, die heute frei begangen den sechsten Schwierigkeitsgrad erreichen. Der Vollrath-Riss am Glatzenstein gilt auch unter heutigen Kletterern als anspruchsvolle Herausforderung.

Aber nicht nur aus Nürnberg reisten Kletterer in die Fränkische, um dort die Felstürme zu erobern - auch das oberfränkische Bamberg galt und gilt bis heute als Basislager der fränkischen Extremkletterer.

Vor allem die frei stehenden Felstürme und Nadeln des Jura - wie der Napoleon, der Nürnberger Turm (bei Würgau) oder der alte Fritz hatten es den Kletterern von damals angetan. Mit Nagelschuhen und Hanfseilen ausgerüstet trainierten sie hier für die großen Wände der Alpen. Nach dem Krieg waren es vor allem die Schleßingerzwillinge, die im Wiesenttal mit spektakulären Erstbegehungen auf sich aufmerksam machten. Aber auch der junge Armin Erdenkäufer war einer der Kletterpioniere in der Nachkriegszeit.

Einen Schub bekam das Klettern durch die Erfindung des Bühler-Hakens von Oskar Bühler. Im Mai 1960 setzte der Nürnberger Bauingenieur und Bergsteiger den ersten zementierten Haken am Albrecht-Dürer-Fels. Inzwischen stecken mehr als 20.000 "Bühler" in den Felsen des Frankenjura. Überall auf der Welt gelten Bühlers Verbund-Haken als verlässlicher Sicherheitsstandard im Klettern.

Als in den 1970er-Jahren der Siegeszug des Sportkletterns einsetzte, hatte das Klettern im Mittelgebirge nicht mehr nur Trainings- sondern auch Selbstzweck. Nach einem Besuch im Elbsandsteingebirge entwickelte der Nürnberger Kurt Albert hier in den 70er Jahren den Rotpunktgedanken, mit dem das technische Klettern durch das Freiklettern abgelöst wurde. Albert und seinen Mitstreitern genügte es nicht mehr, einen Felsen einfach nur hochzukommen, der Stil der Begehung spielte für sie eine Rolle. Trittleitern waren fortan verpönt. Haken wurden nur noch zur Sicherung eingesetzt. Sobald die fränkischen „Kletterrebellen“ auf diese Weise einen Weg „befreit“ hatten, markierten sie ihn mit einem roten Punkt. Der älteste rote Punkt prangt seit 1975 unter dem Adolf-Rott-Gedächtnis-Weg am Streitberger Schild.

Zur Ikone der neuen Freikletterbewegung entwickelte sich schnell Wolfgang Güllich. Der ehrgeizige Pfälzer stieß in Schwierigkeitsgrade vor, die bis dahin als unkletterbar galten. Seine 1991 erstbegangene Route „Action Directe“ am Waldkopf bei Neuhaus an der Pegnitz erreicht den 11. Grad und gilt damit bis heute als eine der schwersten Routen der Welt. Am 31. August 1992 kam Güllich bei einem Autounfall ums Leben. Sein Grab in Obertrubach (Landkreis Forchheim) ist eine Pilgerstätte für Kletterer.

Inzwischen hat eine neue Generation das Ruder übernommen. Jahr für Jahr kommen zahlreiche neue Routen und Boulder in den höchsten Schwierigkeitsgraden hinzu. Zu den neuen Platzhirschen in den fränkischen Wäldern gehören der Bamberger Markus Bock und der Nürnberger Boulderer Fabian Christof.

Aber nicht nur für extreme Kletterer hat die „Fränkische“ einiges zu bieten auch Hobbysportler kommen hier auf ihre Kosten. Wenngleich die schon aus historischen Gründen teils heikle Absicherung auf manche abschreckend wirkt und nach zuletzt einigen Unfällen für Diskussionen gesorgt hat.

Klettern und Politik

Schon in seinen Anfangszeiten war das Klettern im Frankenjura auch eine politische Angelegenheit, da sich die Bergsteiger je nach sozialer Herkunft und politischer Einstellung in verschiedenen Alpen- und Touristenvereinen organisierten. Die oberfränkische Seilschaft Hick/Hartlehner hisste auf jeder ihrer Erstbegehung die rote Fahne der Arbeiterklasse und die Erstbegehungen von Rockstroh und Vollrath wurden von konservativen oder akademischen Bergsteigervereinigungen als "Proletenrisse" abgetan. Auch die Bergsteigergrüße waren unterschiedlich. Während sich konservative Bergfexe das noch heute übliche "Berg heil" zuriefen, begrüßten sich Liberale und Sozialisten mit einem "Berg frei" auf dem Gipfel.

Mit der Gleichschaltung des Vereinslebens im Dritten Reich wurden auch die meisten Bergsteigerklubs verboten oder im Deutsch-Österreichischen Alpenverein eingegliedert, aus dem bereits ab 1933 alle „Nichtarier“ ausgeschlossen wurden. Selbst die Wände der Fränkischen bekamen die Gleichschaltungspharse der Nazis zu spüren, so wurde die Fuchslochwand in Adolf-Hitler-Wand umbenannt, die Schmidbergwand in Hakenkreuzwand und der Bärenstein in Göringstein.

Aber auch der Widerstand nutzte die Felsen zu seinem Zweck. So dienten manche Wandbücher als Kommunikationsmittel und eine schwer zugängliche Grotte im Krottenseer Forst bei Neuhaus diente als Unterschlupf für eine Druckerpresse für Flugblätter.

Nach dem Krieg war auch das Klettern vorerst entpolitisiert. In den 68er Jahren sorgte dann die „Kletterkommune Roter Stern“ um den Fürther Jörg Bednarczyk und den Autor des Fränkischen Kletterbuchs, Rudl Buchner, für Furore. An diese Phase erinnern heute noch Klettertouren wie der Ho-Tschi-Minh-Pfad oder der Che-Guevara-Weg.

Politik spielt bei den Kletterern inzwischen nur dann noch eine Rolle, wenn es um das Thema Felssperrungen geht. Dieses Thema bewegte vor allem in den 1990er-Jahren die Gemüter der Bergfexe.

Das Kletterkonzept

Die IG Klettern

Persönlichkeiten

Literatur

  • Kurt Albert: Fight Gravity - Klettern im Frankenjura, tmms-Verlag, Korb, 2005
  • Rudolf Buchner: Fränkisches Kletterbuch. Nürnberg: Verlag Nürnberger Presse.
    • Band 1: Östlicher Frankenjura. Trubach- und Pegnitzalb, 1985, 383 S., ISBN 3-920701-60-0
  • Christian Rothmund: Helden, Mythen und die Kunst der Vertikalen. In: Nürnberger Zeitung vom Samstag, den 30. Juni 2007 - NÜRNBERG

Siehe auch

Kletterhallen

Weblinks

Artikel in der NZ

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

Helden, Mythen und die Kunst der Vertikalen

Von Christian Rothmund

Man könnte es das Erweckungserlebnis des Sportkletterns in Europa nennen. Und zugleich war es ein kleines Stück deutsch-deutsche Geschichte. Von dem Tag an, als der Franke Kurt Albert im Jahr 1973 sächsische Kletterer im Elbsandsteingebirge beobachtet hatte, war für ihn, philosophisch gesprochen, der Weg das Ziel. Entscheidend sollte fortan nicht mehr sein, dass man den Gipfel eines Felsens erreichte, sondern allein wie. 1977 posierte Albert dann ungesichert an einer Hand hängend (mit einem Bierkrug in der anderen) in der Route „Devil’s Crack“ am Röthelfels, um wenige Jahre darauf mit dem „Sautanz“ an den Gößweinsteiner Wänden einige der schwersten Klettermeter ihrer Zeit im von ihm geprägten und bis heute allgemein gültigen „Rotpunkt“-Stil frei zu begehen.

Aber nicht nur der Streitberger Albert hat Klettergeschichte im Frankenjura geschrieben. Auch Weggefährten wie der Nürnberger Norbert Bätz, die Boulder-Ikone Wolfgang „Flipper“ Fietz und allen voran natürlich der gebürtige Pfälzer Wolfgang Güllich haben sich an den Felsen in der „Fränkischen“ und der Hersbrucker Schweiz verewigt. Güllichs Parade-Route „Action Directe“ im Krottenseer Forst war die erste im elften Schwierigkeitsgrad und stellt noch heute die besten Kletterer der Welt vor eine schier unlösbare Aufgabe. Seit ihrer Erstbegehung im Jahr 1991 wurden die 15 stark überhängenden Meter gerade acht Mal wiederholt.

Alter Glanz und neue Helden

Nach wie vor trifft sich die Elite der Freeclimber an den Felsen im Jura, dessen Mythos ungebrochen scheint. Über 8.000 Routen gibt es inzwischen alleine im Zentralgebiet und täglich werden neue Wege an den alten Kalkfelsen „gefunden“. Auch ein paar neue Helden hat das Frankenjura.

Der Bamberger Markus Bock, der einzige „echte“ Franke, in der Liste der Wiederholer der „Action“, hat hier alle Touren oberhalb des zehnten Grades geklettert. Außerdem hat er für seine Route „Corona“ im Ailsbachtal den Schwierigkeitsgrad 11+ veranschlagt. Bisher konnte diese Bewertung jedoch nicht bestätigt werden – noch keinem anderen Kletterer ist es gelungen, dieses Kunststück in der Vertikalen zu wiederholen.

Neben dem Oberfranken Bock machten zuletzt auch die Nürnberger André Behr und Fabian Christof (siehe „fragwürdig“-Interview) von sich reden. Behrs Boulderkreation „Bull Rider“ aus dem Jahr 2003 ist schon jetzt ein moderner Kletterklassiker, Christofs wunderschöner Dachboulder „Forget About Life For A While“ wird das sicher werden.

Aber nicht nur für ambitionierte Freunde athletischer Kletterei ist das Frankenjura ein idealer „Spielplatz“, auch Genusskletterer und Anfänger finden hier zahlreiche Felsen und Routen für einen entspannten Kletterurlaub oder vielleicht die ersten Klettermeter ihres Lebens.

Als Anfängerklassiker in der „Fränkischen“ wird gemeinhin der Wolfstein (im Trubachtal) geführt. Trotz des teils brüchigen Felsens locken hier die sonnige Lage und unzählige Touren, die schon ab dem dritten Grad zu haben sind. Unweit gelegen sind die Haselstaudener Wände. Bestens abgesicherte Routen zwischen dem vierten und siebten Grad in tollem, wenngleich mitunter auch schon etwas abgegriffenem Fels, sind da zu finden.

Ruhiger als im Trubachtal geht es in den südlicheren Gefilden des Juras zu. Das Hirschbachtal hinter Hersbruck ist eigentlich eine Wandererregion, hat sich in den letzten Jahren aber auch zu einem Mekka für Kletterer jeder Preisklasse gemausert. Das beeindruckende Massiv der Mittelbergwand vermittelt hier alpines Ambiente. Gut gesicherte Genusstouren für Anfänger und „Soft-Mover“ gibt es an der Weißen Wand und der Röthenbacher Wand.

Informationen zu den Felsen gibt es in den beim Panico Verlag erschienen Gebietsführern von Sebastian Schwertner, im nicht mehr ganz aktuellen von Bernhard Thum (Eigenverlag)und denen der Röker-Brüder (Gebro-Verlag).