Langwasser

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Langwasser ist ein Stadtteil von Nürnberg.

Imbuschstraße in Langwasser Süd
© Hagen Gerullis/NZ

Inhaltsverzeichnis

Geographische Lage

Die Trabantenstadt Langwasser liegt im Südosten Nürnbergs, etwa sieben Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt. Der Ortsname Langwasser kommt von einem kleinen Bach, der das Gebiet durchquert.

Die Gemarkung Langwasser hat eine Fläche von 1.264 ha und ca. 37.500 Einwohner. [1] Zur Gemarkung Langwasser gehören auch unbebaute Flächen und ein kleiner Teil des Nürnberger Reichswalds.[2]

Zur Geschichte

Die Besiedelung des Areals geht letztlich zurück auf den Berliner Städtebau-Professor Hermann Jansen. Dessen Generalbebauungsplan, der so genannte Jansen-Plan, wies auf die mögliche Zerstörung des Knoblauchslandes durch die fortschreitende Zersiedelung hin und forderte den Bau einer eigenständigen Satellitenstadt im Lorenzer Reichswald auf dem heutigen Langwasser-Areal.

Die Nationalsozialisten setzten den weiteren Entwicklungsgedanken ein Ende und annektierten das Gelände 1935 für den Zweckverband Reichsparteitage Nürnberg. In der Folgezeit entstanden das Märzfeld und ein riesiges Lager für die Teilnehmer der alljährlichen Reichsparteitage. Ab 1939 wurden die Baracken in ein Kriegsgefangenenlager verwandelt; ab 1941 benutzten die Nazis den Bahnhof Märzfeld zur Deportation von Juden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten die Alliierten das Areal zunächst als Internierungs- und dann als Flüchtlingslager. 1947 fiel es an die Stadt Nürnberg zurück und durfte ab 1948 bebaut werden.

Zwischen 1951 und 1955 entstanden die ersten Mehrfamilien-Hauszeilen in der Werkvolk-Siedlung und der ECA-Siedlung gefolgt von den „Ideal“-Wohnungen und schließlich der so genannten Photo-Porst-Siedlung, bei der es sich um Betriebswohnungen der Druckerei Maul & Co. handelte. Die städtische Wohnungsbau-Tochter WBG erhielt 1954 vom Stadtrat den Auftrag, einen Generalbebauungsplan für Langwasser zu erarbeiten und die Planungsträgerschaft für den jungen Stadtteil zu übernehmen. Den städtebaulichen Wettbewerb im Jahr darauf gewannen die Architekten Franz Reichel und Hermann Scherzer gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Hermann Thiele. Im Gefolge der Grundsteinlegung am 29. März 1957 wurde der Stadtteil Zug um Zug auf der Basis der Reichelschen Generalplanung entwickelt.

Dessen Grundgedanken spiegeln sich bis heute in der Anlage des Stadtteils wieder, der ursprünglich 60.000 Menschen eine neue Heimat geben sollte. Die meisten der Wohngebiete - die so genannten Nachbarschaften - werden durch Stichstraßen erschlossen, die in ein Ringstraßen-System münden. Zwischen den Nachbarschaften erstrecken sich breite Grüngürtel, über die Fußgänger und Radfahrer schnell ans Ziel gelangen. Wohn- und Gewerbegebiete sind räumlich weitgehend getrennt, ungeachtet des Grundgedankens, Wohnen und Arbeiten im Stadtteil zu vereinen. Weite Bereiche Langwassers werden heute durch ein zentrales Kleinkraftwerk mit Heizwärme versorgt. In der Nordhälfte entstand die (politisch seinerzeit höchst umstrittene) Bertolt-Brecht-Gesamtschule; das Franken-Zentrum in der Südhälfte gilt als eines der ersten vollständig überdachten Einkaufszentren Deutschlands.

Etwa 37.500 Menschen leben mittlerweile in dem Stadtteil, dessen Nachbarschaften heute den bundesrepublikanischen Städtebau seit den späten 1950er Jahren widerspiegeln. Viele der Entwicklungen waren in ihrer Entstehungszeit wegweisend: Mit dem Baugebiet „P“ in der Nordhälfte Langwassers etwa entstand Anfang der 1980er-Jahre das erste autofreie Wohngebiet der damaligen Bundesrepublik. Das Baugebiet „S“ im Nordosten des Stadtteils strebt allmählich der Vollendung entgegen. Für das westlich davon gelegene Baugebiet „T“ hat die WBG im Jahr 2007 einen Masterplan vorgelegt. Dieser letzte freie Bereich soll innerhalb der kommenden zehn Jahre vollendet werden.

Nachbarschaften

Die diversen Neubaugebiete wurden als Nachbarschaften mit einem Kennbuchstaben bezeichnet.[3]

Nachbarschaft Lage Beschreibung
A Östlich der U-Bahn-Station „Langwasser Mitte“ Gehört zu den zuerst gebauten Teilen von Langwasser. Zahlreiche Straßen sind nach Orten in Niederschlesien benannt.
B An der Breslauer Straße in Höhe der Sportanlage des VfL Nürnberg und der Salzbrunner Straße.  
C Südlich des Hallen-/Freibads Langwasser Auch hier sind die Straßen nach oberschlesischen Städten benannt.
D Südlich der Nachbarschaft C, südwestlich der Gleiwitzer Straße  
E Im südöstlichen Teil von Langwasser, westlich der Kreuzung Gleiwitzer Straße / Liegnitzer Straße Die Straßen sind nach sozialdemokratischen Politikern und Gewerkschaftern benannt.
F und G Im südöstlichen Teil von Langwasser, westlich der Kreuzung Gleiwitzer Straße / Liegnitzer Straße Die Straßen sind nach konservativen Politikern benannt.
H Östlich des Gemeinschaftshauses (Glogauer Straße), wird durch die Striegauer Straße erschlossen Die Straßen sind nach schlesischen Orten benannt.
I Im südlichen Teil von Langwasser, westlich der Einmündung Glogauer / Liegnitzer Straße Die Straßen sind nach im 3. Reich ermordeten Widerstandskämpfern benannt.
K Im südwestlichen Teil von Langwasser Entstand zwischen 1964 und 1967 mit ca. 850 Wohnungen in Häuserblöcken.
L Südwestlich des Franken-Einkaufszentrums Die Straßen sind nach Orten in Oberschlesien benannt.
M Im südlichen Teil von Langwasser Die Straßen sind nach Architekten und Städteplanern benannt.
P Wird durch die U-Bahn, die Thomas-Mann-Straße, die Annette-Kolb-Straße und das Gelände der Bertolt-Brecht-Schule eingegrenzt Wurde ursprünglich als „autofrei“ konzipiert und ist bis heute verkehrsberuhigt.[4]
R Im nördlichen Teil von Langwasser, westlich der Einmündung Gleiwitzer / Thomas-Mann-Straße Die Straßen sind nach Schriftstellern und Künstlern benannt.
S Im nördlichsten Teil von Langwasser, südlich der Einmündung Karl-Schönleben- / Gleiwitzer Straße Die Straßen sind nach Pädagogen benannt.
T Im nördlichsten Teil von Langwasser, an der Karl-Schönleben-Straße Die Bauarbeiten sollen 2014 beginnen.[5]
U im Nordwestteil von Langwasser. Sie wurde ursprünglich in die Baulose U1 - U6 unterteilt. Sie wird durch die Münchener Straße, die Karl-Schönleben-Straße, die U-Bahn-Linie 1 und die Bahnlinie zum Rangierbahnhof begrenzt. Die Straßen sind nach Bergen in den bayerischen Alpen benannt.

Besonderheiten

  • In der Zugspitzstraße 181 gibt es einen Bauspielplatz. Dort können Kinder von 6-12 Jahren unter fachkundiger Aufsicht ihrem Tatendrang nachgehen und Erfahrungen mit der Natur sammeln.[6]

Literatur

  • Bernd Windsheimer, in Zusammenarbeit mit Martina Fleischmann: Nürnberg-Langwasser. Geschichte eines Stadtteils. Hrsg.: Geschichte für Alle e.V., 1. Auflage. Nürnberg: Sandberg-Verlag, c 1995, 294 S., ISBN 3-930699-05-2 (Nürnberger Stadtteilbücher; 2)
  • Martina Bauernfeind: Vom Gefechtsschießplatz zum „Stadtteil im Grünen“. Die Entwicklung des Stadtteils Langwasser. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg (MVGN), Band 84, 1997, S. 225-243 - online
  • Tilmann Grewe: Fünf Jahrzehnte Wohnbauarchitektur: Langwasser. In: Fünf Viertel vom Ganzen. Stadtteile mit Charakter von Jan Beinßen, Tilmann Grewe, Katja Jäkel, Petra Nacke, Peter Schmitt. In: Nürnberg Heute, Nr. 80, Jg. 2006, S. 44-45 - PDF-Datei
  • Bernd Windsheimer: Langwasser. Geschichte eines Stadtteils. Geschichte für Alle e.V., Institut für Regionalgeschichte. Mit Beiträgen von Martina Bauernfeind. 2., aktualisierte und erg. Auflage. Nürnberg: Sandberg-Verlag, 2007, 300 S. (Nürnberger Stadtteilbücher; 2)

Weblinks

Artikel in Nürnberg Heute

NZ-Redakteur Tilmann Grewe schrieb über Langwasser im Magazin Nürnberg Heute, Nr. 80:

Grün. Langwasser liegt im Grünen. An drei Seiten wird die 600 Hektar große Trabantenstadt von Waldzonen umarmt. Und mittendrin geben ausgedehnte Rasenanlagen und Baumbestände Luft zum Atmen, Raum zum ungestörten Spazieren. Kurzzeitige Gäste, eilige Passanten nehmen oft nur Hochhäuser wahr. Die Wohnungsburgen von Neuselsbrunn fallen Besuchern schnell ins Auge, obwohl diese einförmigen Wohnsilos gar nicht zu Langwasser gehören. Dann folgt nicht selten der Hinweis auf die Hochhäuser im Zentrum des Stadtteils. Doch wer verweilt, wer schaut und vergleicht, entdeckt die großzügige, bisweilen schon naturnahe Anlage im südöstlichen Nürnberg, die in der Stadt wohl keine Entsprechung findet.
Natürlich mussten die Planer in den 60er Jahren in die Luft gehen. 60.000 Menschen wollte der Stadtrat damals an der südlichen Grenze Nürnbergs ansiedeln – nicht zuletzt, um ein Ausufern der Stadt nach Norden, eine Zersiedelung des wertvollen Knoblauchslands zu verhindern. Also wurde auf den Reißbrettern eine Kleinstadt geboren mit urbanen Strukturen: City-Charakter im Zentrum, mit bald 30-stöckigen Hochhäusern, Freizeiteinrichtungen und Einkaufszentren; zunehmend aufgelockerte und flache Bauweise zu den Stadtteilgrenzen hin. Die Hauptverkehrsadern wurden als Ringsystem angelegt mit Stichstraßen in die Wohngebiete hinein, während Fußgänger und Fahrradfahrer direkte Wege zwischen den Nachbarschaften fanden – eben durch die Grünzüge.
Eigentlich ist es die Ölkrise, die der von knapp 35 000 Menschen bewohnten Trabantenstadt ihr heutiges Gesicht gegeben hat. Die hochtrabenden Besiedelungspläne wurden jäh verlangsamt, die Nachbarschaften wuchsen plötzlich beschaulich heran. Das gab den Architekten Zeit, über modernere Bauformen nachzudenken. An die Stelle einförmiger Häuserzeilen traten vielfältige Fassadenlandschaften, die autofreie Nachbarschaft „P“ im Norden des Stadtteils entstand, der „Industriestil“ der 1990er hielt Einzug. Heute besuchen Fachleute aus ganz Deutschland Langwasser, um auf engstem Raum fünf Jahrzehnte Wohnbauarchitektur in Deutschland zu durchwandern.
Viele Russlanddeutsche haben in Langwasser eine neue Heimat gefunden. Die Integration dieser Neubürger ist eine wichtige Aufgabe für die Stadt. Entzerren, neue Freizeiträume bieten, lautet ein Ansatz. Und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welchen Luxus auch den Zuwanderern aus dem Osten geschenkt wird – mit dem Wohnen im Grün.

Einzelnachweise

  1. Bürgerverein Langwasser: Interessante Informationen über Langwasser
  2. Bürgerverein Langwasser: Karte der Gemarkung Langwasser
  3. Bürgerverein Langwasser: Karte von Langwasser mit Bezeichnung der Nachbarschaften
  4. Lenk, Melanie: Nürnberg-Langwasser - Trabantenstadt zur Bekämpfung der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg, GRIN Verlag, 2010
  5. Nürnberger Nachrichten, 10. Oktober 2013, „Mehr Nürnberg“, S. 29: Bäume fallen auf 3,5 Hektar - Nachbarschaft T: Rodung für Wohnbau in Langwasser startet
  6. Nürnberger Nachrichten, 19. September 2013: Mit einem Haufen Bretter fing es an

Karte

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