Nürnberg im Oktober 1955

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Nürnberg im Oktober 1955: Louis Armstrong begeisterte die Franken

„Das Fräulein vom Amt“ hatte ausgedient: In zwei solchen langen Reihen saßen Kopf an Kopf die Fernsprechbeamtinnen in der Hauptverkehrszeit, immer 50 Frauen und Mädchen auf jeder Seite. Die Arbeit riss nicht ab - unermüdlich wurden die Verbindungen gesteckt. Im Oktober 1955 wurde auf Selbstwahlbetrieb umgestellt.
Heimkehr aus der Gefangenschaft: Kriegsgefangene kehren von Russland nach Nürnberg zurück. Mit festlich geschmückten Wagen fuhren die Heimkehrer nach der Feier durch die Stadt.
Geschmückte Wagen und eine Feier zur Wiederkehr: Die Kriegsheimkehrer aus Russland/Sowjetunion wurden am Hauptbahnhof von ihren Familien empfangen. "Mit einem Jubelschrei stürzten die Angehörigen auf ihre Heimkehrer zu, kaum dass sich die Türe des D-Zug-Wagens geöffnet hatte. In den Armen ihrer Lieben versanken die Männer, die nach mehr als einem Jahrzehnt wieder auf Heimatboden standen."

Artikel in der NZ

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

Als Jazz noch als „Atombombe“ bezeichnet wurde

Von Ursula Tannert
Der Monat Oktober begann mit der schrecklichen Meldung: „Bagger zerschmettert seinen Führer“. Das 44 Tonnen schwere Gerät war auf der Baustelle der Stadtsparkasse in der Lorenzer Straße eingesetzt. Das Erdreich, das von den Grundmauern des ehemaligen Schauspielhauses gehalten worden war, hatte nachgegeben und der Bagger war gegen 20 Uhr in die sechs Meter tiefe Baugrube gestürzt. :Trotz fieberhafter Rettungsversuche im Scheinwerferlicht konnte der Baggerführer nur noch tot geborgen werden. Erst drei Wochen später schafften es zwei Zugmaschinen der Bundesbahn, den Bagger aus der Grube zu ziehen.
Eine kleine Revolution erlebte der Telefonverkehr
Nach der Verlegung von Trägerfrequenzkabeln konnten sechs Städte, darunter Augsburg, München und Stuttgart, mit einer sogenannten Kennziffer direkt angewählt werden. Alle neun Kilometer wurden Verstärker-Ämter errichtet, kleine unbemannte Häuser mit technischen Vorrichtungen zur Überwachung der Stromkabel.
10.200 Kleingärtner gab es damals in der Stadt, sie konnten eine reiche Ernte einfahren, insgesamt 2.000 Tonnen Obst und Gemüse. Leider gab es wegen der Feuchtigkeit auch viele Schädlinge, besonders die Mittelmeerfruchtfliege brachte die Pfirsichernte in Gefahr.
Vor dem Hauptbahnhof wurden, wie jedes Jahr im Herbst, die Blumenbeete mit 20.000 winterharten Stiefmütterchen in den Farben Blau, Weinrot und Goldgelb bepflanzt. 4.000 Tulpenzwiebeln warteten bereits in der Erde auf den Frühling.
„In Nürnbergs Mauern bellen 14.000 Hunde“,
meldete die Statistik zum Welttierschutztag. Allerdings gab es immer weniger Pferde, weil sie durch Traktoren oder Kraftfahrzeuge ersetzt wurden, und auch die Kleintierhaltung ging zurück.
Nach zehn Jahren war der Wiederaufbau von St.Sebald noch immer nicht abgeschlossen, es fehlten die in 56 Metern Höhe beginnenden Turmspitzen, die 26 Meter hoch in den Himmel ragen. Um später das dreieinhalb Tonnen schwere Kupferdach anbringen zu können, mussten für die Turmhelme tragfähige Dachkonstruktionen errichtet werden. Das Richtfest wurde mit Posaunenklängen gefeiert, leider fehlten für das Kupferdach noch einige tausend Mark.
In der Veilhofstraße weihte Landesbischof Hermann Dietzfelbinger das neue Gebäude des Landeskirchlichen Archivs ein, rechtzeitig zu dessen 25-jährigem Bestehen. Mehr als 400 Kirchenbücher werden dort aufbewahrt, ein Eintrag im Beerdigungsbuch von 1576 lautet: „Hans Sachß teutscher Poet gewesner Schuma- cher im Spittlgeßlein“.
Die Kontroverse um das auf dem Rechenberg aufgestellte Ludwig-Feuerbach-Denkmal flammte erneut auf, als der umstrittene Schriftzug „der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“ mit grüner Ölfarbe überstrichen wurde. OB Otto Bärnreuther zog in einer Rathaussitzung :Vergleiche mit „den schlimmsten Methoden im Dritten Reich“, was wiederum zahlreiche Leserbriefe empörter Nürnberger zur Folge hatte.
Dramatische Verfolgungsjagd in St. Johannis
Eduard aus Leipzig und Ferdinand aus Nürnberg, die wegen schweren Diebstahls in der Mannertstraße in U-Haft saßen, überrumpelten auf dem Weg vom Ermittlungsrichter zurück ins Gefängnis mit einer selbst gebastelten Pistole den Begleitbeamten und befreiten sich mit nachgemachten Schlüsseln von ihren Handschellen. Nach einer dramatischen Verfolgungsjagd konnten sie wenig später im Stadtteil St.Johannis festgenommen werden.
Louis Armstrong in Nürnberg!
Louis Armstrong gab mit seinem Jazz-Ensemble zwei Konzerte in der Messehalle, bejubelt von 6000 Nürnbergern und Amerikanern. Der NZ-Kritiker hatte an diesem Abend aus Neugier dem Jazz vor einem klassischen Konzert den Vorzug gegeben und schrieb: „Jazz hat wie eine Atombombe in unsere musikalische Tradition eingeschlagen und wir können noch nicht übersehen, wohin die entfesselten Kräfte führen werden!“
Ein mit vielen Emotionen aufgeladenes Thema zog sich durch den ganzen Oktober: die Heimkehr russischer Kriegsgefangener. Immer wieder trafen kleine Gruppen der Langersehnten auf Gleis 5 im Hauptbahnhof ein und wurden von ihren Familien, vielen Nürnbergern und Prominenz empfangen. Es gab Beifall, Blumen, Tränen, die Glocken läuteten und in der Bahnhofshalle sangen die Menschen: „Nun danket alle Gott“.

Literatur

  • Ursula Tannert: Nürnberg vor 55 Jahren: Louis Armstraong begeisterte die Franken. Als Jazz noch als „Atombombe“ bezeichnet wurde. In: Nürnberger Zeitung vom 28. Oktober 2010.