Nürnberger Friedhöfe

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Die Nürnberger Friedhöfe umfassen den Südfriedhof, den Westfriedhof, 18 kleinere Stadtteilfriedhöfe, die entweder von der Stadt oder den Kirchen unterhalten werden, sowie zwei Israelitische Friedhöfe.

Sommerabend auf dem Südfriedhof
Foto: Gerullis

Inhaltsverzeichnis

Südfriedhof

Die Aussegnungshalle auf dem Südfriedhof
Sarkophag auf einem Gräberfeld des Südfriedhofs
Die Trauernde Noris auf dem Westfriedhof
Das Karl-Grillenberger-Denkmal auf dem Westfriedhof
Grabmal auf dem Johannisfriedhof

Der Südfriedhof in der Gartenstadt an der Julius-Loßmann-Straße ist mit 65 ha Fläche und 40.000 Gräbern der größte städtische Friedhof. Er wurde 1913 als zweiter Kommunalfriedhof nach dem Westfriedhof eröffnet. Nach dem Vorbild des Münchner Waldfriedhofs wurde er als weitläufige Parkanlage gestaltet. Eine Bestattung auf dem Südfriedhof steht den Nürnbergern zu, die südlich der Pegnitz leben.

Der Südfriedhof hat seit mehreren Jahren auch einen islamischen Teil, in dem u.a. alle Gräber nach Mekka ausgerichtet sind.

Westfriedhof

Der Westfriedhof in Schniegling/Wetzendorf (Schnieglinger Straße/Nordwestring) umfasst knapp 40 Hektar Fläche und 38.000 Gräber. Er wurde 1880 als „Centralfriedhof“ eröffnet, nachdem die Fläche der kleinen kirchlichen Friedhöfe nicht mehr ausreichte, und 1904 in „Westfriedhof“ umbenannt. Er beherbergt das Krematorium, das bei der Errichtung bis 1913 die erste bayerische Einrichtung zur Feuerbestattung war. Eine Bestattung auf dem Westfriedhof steht den Nürnbergern zu, die nördlich der Pegnitz leben.

Johannisfriedhof

Der historisch bedeutendste Nürnberger Friedhof ist der Johannisfriedhof (Haupteingang Johannisstraße 53/57) im Stadtviertel St. Johannis. Wegen seiner malerischen Lage gleich neben den Johanniser Hesperidengärten der Barockzeit und seiner farbenfrohen Bepflanzung wird er von vielen Touristen besucht. Der Johannisfriedhof ist im 13. Jahrhundert in der ehemaligen nordwestlichen Vorstadt St. Johannis um den einstigen Siechkobel St. Johannis herum entstanden – die älteste überlieferte Datierung stammt aus dem Jahr 1238. Später wuchs die Fläche mit einem benachbarten Pestfriedhof und mehreren Erweiterungsflächen zusammen. Im 16. Jahrhundert, als der Rat Bestattungen innerhalb der Stadtmauern offiziell verbot, wurde der Johannisfriedhof Begräbnisstätte für die Toten der Sebalder Stadthälfte, wohingegen der Rochusfriedhof der Lorenzer Seite zustand. Neben der Johanniskirche (ab 1377 am Ort der früheren Siechkobel-Kapelle erbaut) ist die Holzschuherkapelle (1513 am Ort einer Vorgängerkapelle erbaut von Hans Beheim d. Ä.) eine bedeutende Sehenswürdigkeit auf dem Friedhof, ebenso die Grabstätte von Albrecht Dürer und etliche originale Epitaphien auf den Gräbern alter Nürnberger Patrizierfamilien.

Siehe auch: Johannisfriedhof Nürnberg

Rochusfriedhof

Der 1517 nach einer Pestepidemie angelegte Friedhof liegt nur wenige hundert Meter südwestlich des Plärrers. Er erinnert mit seinen liegenden Grabsteinen an den Johannisfriedhof.

Auf dem Friedhof befindet sich die 1520 nach Plänen von Hans Beheim d.Ä. errichtete Rochuskapelle, dessen Glasfenster von Albrecht Dürer entworfen wurden. St. Rochus war der Schutzpatron der Pestkranken.

Grabstätten

Auf dem Rochusfriedhof sind u.a. Peter Vischer d.Ä. sowie der Barockkomponist Johann Pachelbel begraben.

Weblinks

Jüdische Friedhöfe

Dazu kommen zwei Israelitische Friedhöfe: an der Bärenschanzstraße 40 und, angrenzend an den städtischen Westfriedhof, an der Schnieglinger Straße 155/157.

Literatur

  • Michael Truckenbrot: Nachrichten zur Geschichte der Stadt Nürnberg. Erster Band, welcher ausser der nöthigen Einleitung die Topographie enthält. Nürnberg, im Verlag der Stiebnerischen Buchdruckerei, 1785, 542 Seiten - im Netz; hier: S. 497 ff.
  • Martin Lagois: Mitten unter den Lebenden. Ein Gang durch die alten Friedhöfe. In: Nürnberg Heute, Eine Zeitschrift für Bürger, Freunde und Gäste der Stadt, Hrsg.: Stadt Nürnberg, Heft Sonderausgabe zum 18. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg 1979, S. 66-70
  • Isabel Lauer: Altstadtfreunde führten Kinder über den Johannisfriedhof. In: Nürnberger Zeitung Nr. 252 vom 30. Oktober 2006, Nürnberg plus, S. + 2 - NZ
  • Clemens Helldörfer: Knorrige Bäume und kecke Eichhörnchen. Der Südfriedhof ist eine Zufluchtsstätte für viele Tier- und Pflanzenarten. In: Nürnberger Zeitung vom 17. November 2006
  • Eva Brand: Gostenhofer Gottesäcker: Rochuskirchhof und Militärfriedhof. Verwunschene Insel im Großstadttrubel. In: Nürnberger Zeitung vom 3. März 2007, Nürnberg plus, S. + 1
  • Ute Wolf: Neu auf dem Westfriedhof: Ruhestätte für Föten und tot Geborene. In: Nürnberger Zeitung vom 31. März 2007
  • Isabel Lauer: Selbst vor Toten machen Diebe nicht Halt. In: Nürnberger Zeitung vom 1. Mai 2007
  • Claudia Beyer: Die «Stadt der toten Frauen». Weibliche Spurensuche auf dem Johannisfriedhof. In: Nürnberger Stadtanzeiger, Ausgabe Nord, Nr. 200 vom 27. August 2008, S. 3 - Anzeiger
  • Christiane Fritz: Die unbekannten kleinen Friedhöfe mitten in der Stadt. Blick vom Wohnzimmer aufs Familiengrab. In: Nürnberger Zeitung Nr. 273 vom 22. November 2008, Nürnberg plus, S. + 1 - NZ
  • Thomas Susemihl: «Die Inschriften der Stadt Nürnberg II». Ein wuchtiges Ding der Geschichtsforschung. In: Nürnberger Zeitung Nr. 59 vom 12. März 2009, S. 14 - NZ
  • Detlev Meyer (Text) und Harald Sippel (Fotos): Grabstätten zeugen von Kulturgeschichte. Rochusfriedhof: Erinnerungen an Handwerker. In: Nürnberger Zeitung Nr. 280 vom 3. Dezember 2009, Nürnberg plus, S. + 4 - NZ

Weblinks

  • Peter Zahn: Die Inschriften der Friedhöfe zu Nürnberg - online
  • Johannisfriedhof (Nürnberg) - Wikipedia

Artikel in der NZ

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

NZ vom 1.5.2007

Selbst vor Toten machen Diebe nicht Halt

Blumendiebstahl und Vandalismus auf dem Friedhof: ein Ärgernis ohne Ende. Ein Rundgang auf dem Westfriedhof.
Warum ausgerechnet das Grab ihres Sohnes? Petra Schellenberg wird es jetzt noch heiß und kalt, wenn sie sich an diesen einen Septembertag im vergangenen Jahr zurückversetzt. Da kam sie nach der langen Anreise aus Berlin auf den Nürnberger Westfriedhof, ging den vertrauten Weg und sah Bernhards Grab – verwüstet. Der Bodendecker herausgerissen, zertrampelt, die Blumen verschwunden. Das konnte nur ein Mensch mit Lust an der Schädigung anderer gewesen sein, meint die 50-Jährige.
Der Diebstahl von Grabschmuck, der manchmal in Zerstörungswut gipfelt, ist ein Dauerärgernis auf Friedhöfen. Auf dem Land wie in der Stadt. Zur Pflanzzeit mehr als im Winter, aber auch dann verschwinden Terrakotta-Engel und Laternen wie im Selbstbedienungsladen. Sogar von Kindergräbern. Bei manchen Leuten jede Woche, bei anderen nie. Mag der Sachwert meist gering sein – der ideelle Schaden wiegt schwer.
„Manche weinen“, sagen die Verkäuferinnen bei Blumen Radloff am Eingang, wo jeden Tag Bestohlene ihr Herz ausschütten oder Verdacht gegen Nachbarn äußern. „Man kann nicht viel trösten. Uns ist das Gleiche auch schon passiert.“ Manche frustrierten Kunden kaufen nur noch unauffällige Gestecke und verankerbare Lichter. Andere lassen sich alles verpacken, damit sie am Grab mit der Ware nicht irrtümlich für Diebe gehalten werden. Es müsste halt mehr Umsicht unter den Friedhofsgängern geben, finden die Floristinnen, vielleicht auch mehr Polizisten.
Auch wegen der Diebstahlsorge schickt die Noris-Arbeit (NOA) seit eineinhalb Jahren täglich je sechs Ein-Euro-Jobber als Wächter über den Süd- und Westfriedhof. Sie sind eine Art lebender Kummerkasten und stärken in ihren neongelben Westen außerdem auftragsgemäß das „subjektive Sicherheitsgefühl“ des Publikums. Den einen oder anderen Blumendieb haben die beliebten Friedhofswächter schon abgeschreckt, wenn ihr Koordinator Alfred Breit nach der gefühlten Rückmeldung geht. „An manchen Stellen war auf einen Schlag Ruhe.“ Aber stoppen können sie das Phänomen beileibe nicht.
Die Täter bleiben so gut wie immer unbekannt. Das Problem: Wie wollte man sie zwischen 38000 Gräbern erkennen? Verzeihung, liegen hier auch wirklich Ihre verstorbenen Verwandten? Selbst wenn aufmerksame Bürger oder die NOA-Helfer das Tabu dieser Frage brechen, ist das Gegenüber ihnen weder Antwort noch Personalausweis schuldig. „Die kriminelle Natur wird Wege finden“, sagt Breit.
„Dieser Frevel hat mir fast das Herz rausgerissen“, sagt dagegen Petra Schellenberg. Damals war sie am zerstörten Grab so schockiert, dass sie und ihr Mann Erwin gleich fluchtartig zurück nach Berlin fuhren. Mit einem Nervenzusammenbruch kam sie ins Krankenhaus, erzählt sie. Jetzt schaufelt sie mit Erwin Blumenerde in der Frühjahrssonne; sie haben sich wieder motiviert, mit Pflanzen das Gedenken an Bernhard zu erneuern. Den Parkwächtern haben sie Bescheid gesagt. Sie wollen künftig ein Auge auf die Ecke haben.
Nur ein Gräberfeld weiter schüttelt an diesem Morgen auch das Rentnerehepaar Rupprecht den Kopf. Die Schale auf dem Grab ihres Sohnes gähnt sie leer an. Noch wenige Tage zuvor standen darin gesunde Frühjahrsblüher. Das ist ihr dritter Zwischenfall in fünf Jahren. Einmal hob jemand binnen zwei Tagen das frisch gesetzte Rosenstöckchen aus, ein anderes Mal fehlte eine Geranie. „Jeder Zweite berichtet hier so etwas“, sagt Heinz Dieter Rupprecht. „Man muss sich einmal diese abenteuerliche Blumenbewegung vorstellen! Es gibt keine Moral mehr.“
Wie die meisten Betroffenen sehen die Rupprechts und Schellenbergs von Beschwerden ab. Nur unregelmäßig beklagt sich jemand in der Friedhofsverwaltung, und die hebt dann eben die Daten auf. „Was sollte das bringen?“, fragt Karin Rupprecht. Das sei jedoch die schlechteste Reaktion, sagt die Polizei. Betroffene sollten ihr Beobachtungen melden und unbedingt eine Anzeige wegen Diebstahls geringwertiger Sachen stellen. Das geht auch schlicht per Brief. Seit kurzem ist dies direkt in den Räumen der Friedhofsverwaltungen vor Ort möglich; die Bestattungsanstalt will sich unbürokratisch geben.
Die Kriminalhauptkommissarin Renate Tandler, die als CSU-Stadträtin die Friedhöfe betreut, bekräftigt: „Nur sehr wenige konkrete Diebstahlsfälle sind uns bekannt. Wenn die Polizei aber offiziell keine Kenntnis von Fällen hat, kann sie nicht handeln.“ Den Bürgerwunsch nach mehr Polizeistreifen bewertet sie skeptisch. „Zu viele Uniformierte erwecken gerade auf dem Friedhof ein ungutes Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.“ Große Hoffnung auf Aufklärung verspricht aber auch Renate Tandler nicht. „Gelegenheit macht Diebe“, sagt sie und rät, Handtaschen auf dem Friedhof immer bei sich zu behalten.
Wo kein Wissen über den unbekannten Blumenräuber ist, da weiß jeder ein bisschen was. „Das sind vielleicht arme Leute, die sich keine Blumen leisten können“, überlegt etwa das Ehepaar Rupprecht. Besonders Pietätlose würden im Vorbeigehen Schnittblumen aus der Vase mitnehmen, sagt der Gießkannenverleiher Frank Müller. Die bringen sie dann zur Beerdigung mit, weil sie selbst keinen Strauß kaufen wollten. „Die Hände sollten ihnen zur Strafe abfallen!“
Ein Gärtner des großen Grabpflegecenters dagegen hält viele Diebesfälle für Hirngespinste von betagten Grabbesitzern. Sie könnten sich oft nicht mehr daran erinnern, ein verwelktes Bukett selbst weggeworfen zu haben. Und der Westfriedhofsverwalter Georg Reusch gibt zu bedenken, dass auf dem Westfriedhof erwiesenermaßen Saatkrähen Grablaternen davonschleppen und Hasen Nelkenköpfe fressen würden. Nicht immer dürfe man Menschen verdächtigen.
Es gibt nämlich auch gute. Renate Hopf trägt optimistisch einen Rosenstrauß zum Grab ihres Ehemanns. Sie gibt viel Geld für ihn aus, seit zwei Jahren kommt sie jeden Tag. Noch nie sind ihr Blumen abhanden gekommen. Früher hat die 72-Jährige einmal aus Versehen ihre goldene Uhr am Wasserbecken liegen lassen. Der Finder hat sie in der Verwaltung für sie abgegeben.

Isabel Lauer




NZ vom 31.3.2007

Neu auf dem Westfriedhof: Ruhestätte für Föten und tot Geborene

Auf dem Westfriedhof, etwas unterhalb des Krematoriums, gibt es jetzt ein neues Gräberfeld: das so genannte Fötenfeld für Embryonen, tot geborene oder während der Geburt verstorbene Kinder.
„Sie sind wie die Sternschnuppen, die aufglühen und wieder verglühen.“ Rainer Oechslen, Dekan der evangelischen Kirche in Nürnberg, fand ein poetisches Bild für die Kinder, die – aus welchen Gründen immer – nicht leben durften. Auch wenn sie anonym bestattet werden, weil sie noch keinen Namen haben, hätten sie nicht nur moralisch das Recht auf ein Grab, sondern jetzt auch im juristischen Sinn.
Das bayerische Bestattungsgesetz schreibt nun nämlich auch die Bestattung von Embryonen und Föten aus Schwangerschaftsabbrüchen vor; dasselbe gilt für tot geborene und bei der Geburt verstorbene Babys, die weniger als 500 Gramm wiegen. Früher hat man alle unter diesem Gewicht zusammen mit den sterblichen Überresten verbrannt, die nach Operationen in Kliniken und Arztpraxen gesammelt wurden. Oechslen hält die Entscheidung für gut, dass „diese Kinder ohne Lebensgeschichte“ nicht mehr „weggeworfen oder entsorgt werden“.
Die städtische Bestattungsanstalt hat auf die Gesetzesneuerung reagiert, indem sie für diese Kinder auf dem Westfriedhof ein Gräberfeld angelegt hat, das Oechslen gestern gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Robert Pappenheimer einweihte. Dort wurden die ersten Föten aus dem Nürnberger Klinikum beigesetzt. Bisher hatte die Klinik Hallerwiese auf dem Südfriedhof auch ohne gesetzlichen Zwang ein derartiges Gräberfeld eingerichtet.
Eltern, die einen Leichnam auf dem „Fötenfeld“ beisetzen lassen möchten, haben mit Kosten von rund 250 Euro zu rechnen – inklusive Abholung, Urne oder wahlweise Sarg, Einäscherung, Beisetzung und Grabnutzungsgebühr für sechs Jahre, die auch verlängerbar ist. Das neue Feld soll Menschen, die kein eigenes Grab besitzen, einen konkreten Ort zum Trauern bieten. Zwei Mal im Jahr werden die Kirchen dort zum Gedenken an die verstorbenen Kinder einen ökumenischen Gottesdienst halten. Hinterbliebene können ihre tot oder noch nicht geborenen Kinder auch weiterhin im Familiengrab oder in einem Kindergrab bestatten lassen.

Ute Wolf

NZ vom 17.11.2006

Knorrige Bäume und kecke Eichhörnchen

Der Südfriedhof ist eine Zufluchtsstätte für viele Tier- und Pflanzenarten.
An einen Ort des Todes erinnert der Südfriedhof an diesem Nachmittag in keinster Weise - dank des Hochs »Udo« feiert der Spätsommer noch einmal seine Wiederkehr, obwohl die Adventszeit schon kurz bevor steht, und das Zentralgestirn schickt reichlich wärmende Sonnenstrahlen. Wären nicht schon die Zugvögel gen Süden aufgebrochen und läge nicht überall das Herbstlaub am Boden, so könnte man fast meinen, es wäre Frühling.
Ganz bestimmt kein Winterbote ist auch der prächtige Admiral-Schmetterling, der zwischen den Grabsteinen umhertanzt. Er ist aber beileibe nicht das einzige Tier, das sich auf dem Südfriedhof wohlfühlt: »Über 30 Vogelarten hat man Mitte der 1990er-Jahre erfasst, als es noch einen städtischen Vogelwart gab«, berichtet Wolfgang Dötsch vom Bund Naturschutz. An dieser Vielfalt dürfte sich bis in die Gegenwart wenig geändert haben, denn auf den der Ewigkeit zugewandten Friedhöfen sind ein paar Jahre so gut wie gar nichts.
Fast schon berühmt sind die Südfriedhof-Eichhörnchen, denn sie sind nicht im geringsten scheu und lassen sich auch gerne füttern. Allerdings ist aber gerade jetzt der Tisch für sie reich gedeckt: Dafür sorgen schon die vielen Eichen, manche von beeindruckendem Alter. »So groß werden die Eichen in bewirtschafteten Wäldern nicht«, weiß Wolfgang Dötsch.
Überhaupt ist der Südfriedhof ein wahres Baum-Reservat: Dafür sorgen die intensive Pflege und die besonderen Standortbestimmungen eines Friedhofes. Gerade die langsam wachsende Eibe hat sich zu einem richtiggehenden Friedhofsbaum entwickelt. Der Nadelbaum mit den typischen roten Früchten wurde in früheren Zeiten mythologisch verbrämt und war als Rohstofflieferant für Bögen beliebt, geriet wegen seiner gefährlichen Giftstoffe aber zunehmend in Verruf. Einen schönen Anblick bieten auch die knorrig-individuell gewachsenen Kiefern, ganz anders als die hier zu Lande typischen Steckerleswald-Stangen.
Die üppige Natur auf dem Südfriedhof ist auch der Grundkonzeption dieses »Gottesackers« zu verdanken: Die 1913 eröffnete Anlage entstand auf einem ehemaligen Waldgebiet und sollte anders als der eng belegte Westfriedhof den Charakter eines weitläufigen Parks erhalten. Vorbild war der Waldfriedhof in München.
Auch wenn viele Baumarten, die hier anzutreffen sind (so etwa die aus dem Hochgebirge stammende Lärche) nicht gerade in unserer Region heimisch sind, so erfüllt der Südfriedhof doch eine wichtige Funktion für die Umwelt: Die Bäume werden von Vogel- und auch Fledermausarten wie der sehr seltenen Bechsteinfledermaus bevölkert. Für genügend Wohnraum sorgen auch die von der Stadt installierten Vogel- und Fledermauskästen, die laut Wolfgang Dötsch äußerst professionell angelegt sind. So haben sie über den Zugangsloch einen »Pickschutz«, der die Jungtiere vor den Attacken von Rabenvögeln bewahrt.
Nicht nur die Friedhofsbesucher und die Spaziergänger genießen die Naturoase auf dem Friedhof, auch manche Grabstättenbesitzer haben sich mit der Natur arrangiert: So trägt die Christus-Figur an einem Grabstein nicht nur eine Dornenkrone, sondern auch ein Vogelnest. Glaube, Tod und neues Leben sind hier auf einzigartige Weise miteinander verwoben.
Der riesige Friedhofs-Park mit seinen vielen Bäumen trägt auch entscheidend zur Verbesserung des Stadt-Klimas mit bei: »Das ist hier ein enormer Klimafaktor, gerade in der Nachbarschaft des Rangierbahnhofs mit seinem Gleisschotter, der sich in der Sonne enorm aufheizt«. sagt Wolfgang Dötsch.
Ein unbestechlicher Indikator dafür, wie gut die Luft auf dem Südfriedhof ist, sind an den Bäumen wachsende Flechten, die hier eine sonst im Stadtgebiet kaum anzutreffende Größe erreichen. Das große Interesse am »Naturreservat Friedhof« hat der Bund Naturschutz einmal bei einer selbst organisieren Führung zur Vogelbeobachtung registriert: »Da kamen gut und gerne an die 80 Teilnehmer«, erinnert sich der Nürnberger BN-Geschäftsführer. Zu sehen gab es sicher einiges: Beobachtet wurden hier schon neben Amseln und Spechten auch der Gelbspötter und der Wendehals. So ist die letzte Ruhestätte der Menschen auch ein willkommenes Tier-Refugium inmitten der sonst eher artenarmen Großstadt.

Clemens Helldörfer



NZ vom 30.10.2006

Karl zeigt den Klapperschädel

Der Johannisfriedhof, ein riesiger Nürnberger Kunstschatz. Gut 700 Geschichtsinteressierte haben hier am Samstag den Stadtspaziergang der Altstadtfreunde mitgemacht, den letzten der Saison. Zwei Führungen gab es speziell für Kinder. Eigentlich haben die es dabei besser als Erwachsene.
»Die Kinder dürfen Karl zu mir sagen«, das fängt ja gut an. »Die Stifte könnt ihr behalten«, so nett geht es weiter. Karl Heinz Enderle, 55 Jahre alter Altstadtfreund, gibt sich locker bei der Begrüßung am Friedhofstor. Kinderführungen, das hat der Geschichtslehrer erprobt, müssen so laufen. Fast ohne Jahreszahlen und Namen, dafür mit Leichtigkeit und Lebensnähe. »Ganz anders« eben.
Der eineinhalbjährige Christian ist der jüngste Teilnehmer, die zehnjährige Sabrina das älteste der zehn Kinder. Enderle verteilt Fragebögen und Bleistifte für die Tour. Dann erklärt er, was Aussatz für eine üble Krankheit war und dass im Jahr »eins-zwei-drei-vier« (1234) ein Siechkobel für Leprakranke die Keimzelle für den Johannisfriedhof bildete. »Was machen Leprakranke auf einer Party?«, fragt Enderle. »Tanzen, bis die Fetzen fliegen!« Über den Witz lachen nur die neun Großen in der Runde. Die Kleinen müssen erst auftauen.
Das geschieht an der Holzschuherkapelle. »Ich bräuchte mal jemanden mit Schuhgröße 40«, ruft Karl Heinz Enderle. Konstantin, zehn Jahre, meldet sich. Er soll einen Grabstein entlangschreiten, damit alle sehen: Der genormte Johanniser Stein war sechs Fuß lang und drei Fuß breit. Jetzt machen sie mit. »So 'ne Art Schuh« erkennt ein Mädchen richtig im sprechenden Wappen der Patrizierfamilie Holzschuher. Das letzte Abendmahl entdeckt ein Junge im kostbaren, frisch restaurierten Wandgemälde in der Grabnische der Kapelle, die heute ausnahmsweise zu begehen ist.
Inzwischen hat sich eine ältere Dame ohne Kinder diskret dazugesellt. Das passiert fast immer und bestätigt Enderles Wahrnehmung: »Viele Erwachsene wünschen sich eine Führung genau so.« Hinweise auf »polygonale Fenster« oder »den unbekannten Meister aus der Veit-Stoß-Schule« vermissen sie nicht. Freilich muss Enderle weit unten ansetzen. Das Bibelwissen hat stark nachgelassen; Figuren wie Johannes und Maria können die wenigsten Kinder in Christusszenen gleich erkennen. »Das mag man bedauern. Aber man muss halt auf die Entwicklung eingehen.« Und so bewältigen die jungen Gäste den heiteren Fragebogen problemlos. Warum etwa zeigt St. Rochus auf dem Altar sein Bein? »A: Er will uns seine durchtrainierten Beinmuskeln zeigen, B: Er hebt seinen Rock, weil ihm warm ist, C: Er weist auf seine Pestwunde hin.«
Am meisten staunen alle über die Geschichtchen von begrabenen Familien und ihrer Zeichensprache, die dieser Herr Enderle zu erzählen weiß. Vom einstmals reichsten Deutschen, Martin Peller, oder von den 26 Kindern des Sebastian Roth; alle püppchenhaft im Epitaph dargestellt. Oder vom Patrizier Andreas Georg Paumgartner, auf dessen Grab ein lebensgroßer bronzener Schädel liegt - beweglich! »Es darf jeder mal mit dem Unterkiefer klappern«, ruft Enderle auf.
Seit zwei Jahren bieten die Altstadtfreunde, wo es geht, Kinderprogramm an. Es ist nötig, schon um mit der Konkurrenz anderer Stadtführer mitzuhalten. Aber es kostet viel Kraft, wenn die ehrenamtliche Personaldecke mal wieder dünn ist und zum Beispiel an diesem Tag schon 30 Führer kaum ausreichen, um den Ansturm der Erwachsenen aufzunehmen.
Alle Kinder schütteln Karl Heinz Enderle nach den eineinhalb Stunden die Hand zum Abschied. »Ach nein«, stellt er kurz darauf am Ausgang fest, »jetzt hab' ich die Süßigkeiten vergessen.« Zwei Mädchen sind noch da. Er schenkt ihnen Gummibärchen aus seiner Umhängetasche.

Isabel Lauer