Nürnberger Trichter

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Der Nürnberger Trichter ist eine sprichwörtliche Redensart und ein volkstümliches Spottwort für ein Lehrverfahren, das ein Allheilmittel gegen Dummheit sein soll.

Nürnberger Trichter, macht die Leute gescheidt, die Köpfe lichter. (Postkarte, etwa 1930)
Postkarte 1937
Schulkinder stellen das Trichter-Motiv nach.
Das Harsdörffer-Buch.

Inhaltsverzeichnis

Zum Begriff

Nach Meyers Konversationslexikon ist der Nürnberger Trichter eine trichterförmige Hörmaschine für Schwerhörige; aber auch eine scherzhafte Bezeichnung einer Lehr- und Lernmethode, die keine selbständige Bemühung des Schülers erfordert. Damit ist vor allem die Vorstellung verbunden, als könne sich ein Schüler Lerninhalte einerseits fast ohne Aufwand und Anstrengung aneignen und andererseits ein Lehrer auch dem „Dümmsten“ alles beibringen. Das ebenso sprichwörtliche „eintrichtern“ gründet heute auf der Vorstellung vom Nürnberger Trichter.


Der „Nürnberger Trichter“ als Andenken

Nürnberger Andenkenhändler verkaufen den „Nürnberger Trichter“ als Ware aus Porzellan, Zinn, Schokolade, Marzipan und Ansichtskarten, wie ein mittelalterlich gekleideter bebrillter Professor mit Perücke einem ebenso altmodisch verkleideten Schüler Weisheit eintrichtert. Verkauft werden vor allem Nürnberger Spott-Ansichtskarten mit Sprüchen wie:

„Der Nürnberger Trichter macht die Leute gescheidt, die Köpfe lichter.“ Oder:

„Der Nürnberger Trichter war einst in hoher Ehr! Doch heut sind d'Leut gscheidter, man brauchet ihn net mehr!“


Gerhard Mammel bildet in seinem Andenkenband „Nürnberg in alten Ansichtskarten“ zwei Karten mit folgenden Texten ab:

„Es werde Licht

Wer hier nur zieht mit milder Kraft

Krachaut, was Nürnbergs Trichter schafft.

Der Lehrer packt nicht mehr beim Schopf,

Er gießt gleich Weisheit in den Kopf

Heil Nürnbergs Trichter, Quell des Lebens

Wo Götter kämpften selbst vergebens!“


„Nürnberger Trichter

Erst dumm und blöde

jetzt klug wie Göthe

Das hat vollbracht

des Trichters Macht.“

Zur Wortgeschichte und Wortbedeutung

Verwandte Redewendungen

Die übertragene Redewendung etwas eintrichtern oder etwas eingetrichtert bekommen ist noch älter als das Bild des „Nürnberger Trichters“. Der Nürnberger Mundartforscher Herbert Maas, selber Lehrer, erläutert, schon 1521 heiße es bei Eberhard v. Günzburg in einer theologischen Schrift: „der heylige geist schüt es mit keynem trichter eyn wunderlich...“, doch der der vielzitierte Poetische Trichter sei erst seit Harsdörffer als Nürnberger Trichter sprichwörtlich geworden. Das Tätigkeitswort „eidrichdern“ (eintrichtern) bedeute, jemandem etwas mit Nachdruck beizubringen.

Hans Recknagel und Rolf Veit nennen weitere Literaturbeispiele. Zum Beispiel erwähnt 1541 Sebastian Franck, Prediger in Nürnberg, das Sprichwort: „Mit eim trechter eingieszen“. Im Jahr 1627 schrieb Wilhelm Schickard in Tübingen ein Lehrbuch zum Erlernen des Hebräischen auf deutsch, den „Hebräischen Trichter, die Sprache leicht einzugieszen, d.i. Unterweisung, wie ein teutscher Leser ohne lateinischen Behelf die hebräische Sprache erlernen möge“.

Der Ursprung des Nürnberger Trichters

Zwanzig Jahre später erschien dann 1647 in Nürnberg mit ähnlichem Titel das Poetiklehrbuch des Gründers des Pegnesischen Blumenordens und Nürnberger Dichters Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) unter dem Titel „Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen“. Auf Grund der Verbreitung des Werks wurde der Ausdruck „Nürnberger Trichter“ eine gängige Redewendung, die manchmal auch in die Titel pädagogischer Lehrbücher einfloss.

Die wahre Bedeutung des Nürnberger Trichters

Werner Kügel schreibt, nur wenige wüssten, was wirklich hinter dem Nürnberger Trichter stehe. „Aus Nürnberg kamen nämlich manche Erfindungen, die andernorts Zeugnis gaben von der Findigkeit, manchmal auch der Versponnenheit, der fleißigen Leute in der alten Reichsstadt. Als aber alte Reichsstädte nicht mehr in Mode waren, traute man ihr jede Spinnerei zu und fälschte eine wirkliche Errungenschaft Nürnberger Gelehrtenfleißes in ein Zerrbild um.“

1644 hatte Georg Philipp Harsdörffer die Gesellschaft vom „Gekrönten Blumenorden von der Pegnitz“, den Pegnesischen Blumenorden, gegründet. Als Zweck der Gesellschaft wurde angegeben: „Förderung der Verehrung Gottes und der deutschen Treue, Pflege und Verbesserung der deutschen Sprache und Dichtkunst“. Georg Philipp Harsdörffer schrieb daher vor allem auch Bücher über Sprache und Dichtung. Werner Kügel: 1647 „erschien aus seiner Feder ein Werk über das Erlernen der Regeln, die damals beim Verfassen von Gedichten zu beachten waren. Das Buch verzichtete darauf, beim Leser Kenntnis der lateinischen Sprache vorauszusetzen, wandte sich also auch an Nicht-Akademiker und wollte Bildung in weitere Bevölkerungsschichten tragen. Zumal den Frauen wollte Harsdörffer helfen, zu ebenbürtigen Gesprächspartnerinnen zu werden. (Er hatte schon ab 1642 kleine Bändchen modellhafte Frauenzimmer-Gesprächspiele in 8 Teilen erscheinen lassen). Schon das erschien damals vielen lächerlich, obwohl es weitblickend war. Was aber die Spottlust vornehmlich reizte, war der nach der Mode der Zeit in bildlicher Ausdrucksweise abgefasste Titel seiner Anleitung: "Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst ohne Behuf der lateinischen Sprache in VI Stunden einzugießen." Das wollte nicht heißen, dass Harsdörffer jemand Beliebigen in einem Schnellkurs von sechs Stunden zum Dichter machen wollte! Er wollte sein Teil dazu beitragen, dass die anerkannten Regeln dem Anfänger leichter bekannt würden.“ Harsdörffer beabsichtigte also nicht, jedermann die Dichtkunst beizubringen. Es sei aber notwendig, „daß ein Gelehrter seine Muttersprache gründlich verstehe und in derselben Poeterey nicht unwissend sey …“.

Wesentlich war: „ohne Behuf der lateinischen Sprache“. Man musste also kein Lateiner sein, sondern nur die deutsche Sprache lesen können. Damals war in den Lehrplänen der humanistischen Gymnasien die deutsche Muttersprache streng vom Lehrplan ausgeschlossen. Die „Pflege der deutschen Sprache“ geschah zuerst in den Klöstern, in denen Mönche biblische und andere Werke des Altertums ins Deutsche übersetzten. Es folgten die „teutschen“ Schulen der Schreib- und Rechenmeister. Luther hatte dann mit seiner deutschen Bibel einen Anfang für eine breitere Volksbildung in der deutschen Sprache gemacht. Aber erst die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts machten die deutsche Sprache salonfähig und begründeten die organisierte Pflege der deutschen Sprache. Durch diese „Spracharbeit“, die Pflege der deutschen Muttersprache in den Sprachpflegegesellschaften der Barockzeit, kam es auch in den Gymnasien allmählich zu einer bescheidenen Pflege der deutschen Sprache. Man richtete an den Gymnasien Bürgerklassen ohne Latein und Griechisch ein für die, die nicht studieren wollten, und bald auch gesonderte Realschulen. [1]

Die von Werner Kügel genannte „Errungenschaft Nürnberger Gelehrtenfleißes“ war zum einen der Poetische Trichter Harsdörffers, mit dessen Hilfe „ohne Behuf der lateinischen Sprache“ auch die, die kein Latein gelernt hatten, sein Lehrbuch in deutscher Sprache lesen konnten, und dass vor allem Gelehrte ihre deutsche Muttersprache gründlich verstehen. Zum anderen führte seine Spracharbeit und die der Sprachgesellschaften zum Einzug der deutschen Sprache in die Gymnasien. (2)

Zur Rezeptionsgeschichte

Auf Grund der weiten Verbreitung des Nürnberger Poetikbuches, entstand allmählich das Sprichwort vom „Nürnberger Trichter“. Recknagel und Veit nennen in ihrer Abhandlung „Wagenseils Nürnberger Trichter“ den Altdorfer Gelehrten Christoph Wagenseil (1633-1705), der 1693 in einer lateinischen Abhandlung „De infundibuli“ erstmals den „Infundibulum Noribergense“, den Nürnberger Trichter nennt. Wagenseil hatte ab 1646 das Egidien-Gymnasium in Nürnberg besucht und dann an der Nürnbergischen Universität Altdorf studiert, wo er ab 1667 als Professor lehrte.

Christoph Wagenseil enträtselte den geheimnisvollen Nürnberger Wundertrichter augenzwinkernd als Grundregeln jeder Erziehung: das Prinzip der Anschaulichkeit, d.h. in der Verwendung von Bildern usw., das Wecken der Neugierde und Wissbegier der Schüler und das gesprochene Wort, d.h. die Lebendigkeit der Rede.

Als einige seiner Freunde Anstoß an der Bezeichnung „Nürnberger Trichter“ nahmen, wollte Wagenseil ihn nicht mehr so nennen. Einem italienischen Freund aber schrieb er, dass es ja in Nürnberg schon einen solchen Trichter gebe, der im übrigen Deutschland allgemein bekannt sei und mit dessen Hilfe Wissen und Gelehrsamkeit in die Köpfe von Knaben eingeflößt werden könne.

Sinnigerweise gaben Studenten der WiSo-Fakultät der von ihnen im Keller des Fakultätsgebäudes in Nürnberg in der Findelgasse betriebenen Gaststätte den historischen, aber doppeldeutigen Namen „Trichter“.

Die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg vergab einen Buchpreis „Lesen für den Beruf“. Diese Auszeichnung nannte sie „Nürnberger Trichter“. U.a. wurde auch Eduard Rudolf, der Leiter des Amtes für berufliche Schulen der Stadt Nürnberg, von BA-Präsident Josef Stingl in die Jury berufen. 1991 erhielt Eduard Rudolf selber vom BA-Präsidenten Heinrich Franke den „Nürnberger Trichter“ zusammen mit einem Nachdruck von Harsdörffers „Poetischem Trichter“ in Fraktur.

Literatur

  • Herbert Maas: Nürnberger Trichter. In: Michael Diefenbacher, Rudolf Endres (Hrsg.): Stadtlexikon Nürnberg. Nürnberg: W. Tümmels Verlag, 1999, S. 765 - auch im Netz
  • Wilhelm Schickard: Der Hebräische Trichter, die Sprache leicht einzugieszen, d.i. Unterweisung, wie ein teutscher Leser ohne lateinischen Behelf die hebräische Sprache erlernen möge etc.. Tübingen, 1627
  • Georg Philipp Harsdörffer: Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst/ ohne Behuf der Lateinischen Sprache/ in Vl. Stunden einzugiessen. Samt einem Anhang Von der Rechtschreibung / und Schriftscheidung/ oder Distinction. Durch ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft. Zum zweiten Mal aufgelegt und an vielen Orten vermehret. Nürnberg/ Gedruckt bey Wolfgang Endter, Nürnberg 1648–1653 [Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums, Sign. 80 01 164/1, Slg. N 943] Erste Auflage: 1647
  • Georg Philipp Harsdörffer: Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der Lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen; 3 Teile in 1 Band / Reprografie Nachdruck der Ausgabe Nürnberg, Endter, 1648 - 1653. Hildesheim, New York: Olms, 1971. - 137, 186, 563 S. In Fraktur, ISBN 3-487-04068-9
  • Hans Recknagel; Rolf Veit: Wagenseils Nürnberger Trichter. Zur Geschichte einer Redensart. In: Mitteilungen der Altnürnberger Landschaft e.V., Heft 1, 2001, S. 571–574
  • Johann Christoph Wagenseil: Über den Trichter. Seinen Anlaß, Zweck und seine Einrichtung. In: Mitteilungen der Altnürnberger Landschaft e.V., Heft 1, 2001, S. 575-581
  • Dagmar Hirschfelder: Der „Nürnberger Trichter“ – Ein Allheilmittel gegen die Dummheit? In: KulturGUT – Aus der Forschung des Germanischen Nationalmuseums, Hrsg.: Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, Direktor des Germanischen Nationalmuseums, 1. Quartal 2006, Heft 8, 2006, S. 3–5
  • Gerhard Mammel (Hrsg.): Nürnberg in alten Ansichtskarten. Würzburg: Weidlich Verlag, 2001, 95 S., ISBN 3-8003-1809-1 (Deutschland in alten Ansichtskarten)
  • Max Trömel: Übungen zum stufenweisen Aufbau des Einmaleins. Dresden: Reuter, 1894, 8 S.
  • Max Trömel: Nürnberger Trichter zum Einmaleins. Ausgabe für Lehrer; nebst Aufgabensammlung. Dresden: Reuter, 1894
  • Johann Heeger; Alois Jalkotzy: Der Nürnberger Trichter - Alte Reime zum Lesenlernen. [Eingedruckt farb.] Bilder von Ernst Kutzer. (Neue Bilderbücher für Arbeit und Spiel). Wien; Leipzig: Konegens Jugendschriften Verlag, 1922, 32 S.
  • Sattat u.a.: Nürnberger Esperanto-Trichter - Leitfaden für Schnell- und Massenkurse, (11.-50. Tsd.). (Esperanto-Flugblatt, Nr. 7). Berlin: Esperanto-Verlag, 1923, 4 S.
  • Nürnberger Phototrichter. Hausmitteilungen von Photo-Porst. Zweimonatlich erschienen: 1934 - 1939 nachgewiesen; 1950 - 1966 nachgewiesen. Nürnberg: Photo-Porst, 1934
  • Franz Kaiser: Der Nürnberger Trichter. Bilder v. Emeli Werzinger. Nürnberg: Sebaldus-Verlag, 1941, 12 Bl.; Nachdruck 1946
  • Hans-Heinrich Vogt: Der Nürnberger Trichter. Lernmaschinen für ihr Kind? Stuttgart: Frank'sche Verlagshandlung, 1966, 84 S.
  • Paul Rieß: Nürnberg, die Trichterstadt. Ein ulkiger Führer durch die alte Noris für Einheimische und Fremde. Sonderausgabe der Stadtsparkasse Nürnberg. Nürnberg: Hofmann, 1987, 52 S. (Nürnberg als poetischer Trichter. Über das literarische Leben Nürnbergs im Zeitalter des Barock)
  • Thomas Oberle; Martin Wessner: Der Nürnberger Trichter - Computer machen Lernen leicht!? (Forum Beruf und Bildung; Band 10), Alsbach/Bergstraße: LTV-Verlag, 1998, 176 S., ISBN 3-88064-283-4
  • Erik Stecher: Neue Stadtführung zum Thema Redensarten. Hier kommt man auf den Trichter. In: Nürnberger Zeitung Nr. 245 vom 23. Oktober 2009, Nürnberg plus, S. + 1 - NZ

Weblinks

rliner Bildungsserver: Der „Nürnberger Trichter“ - im Netz

  • Nürnberger Trichter, Karnevalsgesellschaft e.V., Nürnberg - im Netz
  • Chronik der Nürnberger-Trichter-Karnevalsgesellschaft - im Netz
  • Die Geschichte des Nürnberger Trichters - im Netz
  • Institut DER TRICHTER, Nürnberg - im Netz
  • Historisches Franken: Der „Nürnberger Trichter“ - im Netz
  • Nürnberger Trichter - Wikipedia

Einzelnachweise und Anmerkungen

(1)Bei der von Werner Kügel genannten Schaufensterwerbung im Café Kröll mit der Nürnberger-Trichter-Figurengruppe handelte es sich sinnigerweise um die Werbung einer Nürnberger Likörfabrik für ihren Kräuterlikör „Echter Nürnberger Trichter“. Diese Trichter-Figurengruppe im ehemaligen Café Kröll ist nach der Wiedereröffnung unter anderem Namen und mit neuem Besitzer verschwunden.

(2) Gymnasium (geschichtliche Entwickelung in Deutschland). In: Meyers Konversationslexikon. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-189, Band 7, S. 960

(3)

  • Sonderangebot: Nürnberger Trichter. In: Nürnberg Heute. Eine Halbjahreszeitschrift. Hrsg.: Stadt Nürnberg, Heft 14, Juli 1972, S. 32
  • Lothar Kleinlein: Ein Wochenende unter dem Nürnberger Trichter. In: Nürnberg Heute. Eine Halbjahreszeitschrift. Hrsg.: Stadt Nürnberg, Heft 18, Juli 1974, S. 2-9. Wiederabdruck in:
    • Das Beste aus Nürnberg Heute. 55 Berichte, Reportagen und Dokumentationen aus dem Magazin „Nürnberg Heute“ von 1966 bis 1983. Nürnberg: Gruber & Raabe, Rachlitz, 1983, 350 S., hier: S. 66-73