Platz für Rasenhelden
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Wie der Sport ins Blatt kam
Platz für Rasenhelden
Von Melanie Bachhuber
Sport, speziell Fußball, ist eine Nebensache - angeblich. Viele Fans sehen das natürlich ganz anders. Unbestritten ist jedenfalls, dass der Sport heute eine feste gesellschaftliche Größe ist. Er ist so wichtig, dass die »Nürnberger Zeitung« ihm täglich viel Platz einräumt. Nicht umsonst wird die NZ gerade bei den Sportfans in der Region besonders geschätzt. Doch der Stellenwert des Sports hat sich in der 200-jährigen Geschichte der NZ auch erst langsam herauskristallisiert.
Im Jahr 1900, als die NZ noch »General Anzeiger für Nürnberg- Fürth - Korrespondent von und für Deutschland« heißt, kommt Sport so gut wie gar nicht vor. Unter der Rubrik »Städtische Nachrichten/Vereinskalender« werden allerdings Veranstaltungen und Versammlungen angekündigt und zum Teil auch Ergebnisse kurz berichtet. Dabei erfahren die Leser Neues »über das Radfahrwesen«, vom Simultan-Schach oder vom Verein Bayerischer Schwerer Reiter. Wild durcheinander mit Meldungen vom Liederverein Nürnberg oder dem Humoristischen Club Gostenhof bittet der 1. Athleten-Club Nürnberg zum Stiftungsfest, kündigt die Allgemeine Radfahrer-Union ein Rennen an.
Dies alles ist am 5. Mai 1900 zu lesen - einen Tag nach einem historischen Sportereignis in der Noris, das in der NZ aber mit keinem Wort erwähnt wird: der Gründung des 1. FC Nürnberg am 4. Mai 1900. Hätten die Sportredakteure damals gewusst, dass der FCN ein derart ruhmreicher Traditionsverein werden würde, hätten sie dem Club sicher mehr Aufmerksamkeit gewidmet. So aber bringen sie lieber einen Hinweis auf das Frühjahrskränzchen des Turnvereins Schoppershof - auch wichtig, sicher.
Der Einsicht folgend, dass der Sport eben doch eine wichtige gesellschaftliche Komponente ist, gibt es Mitte des Jahres 1906 plötzlich eine extra Überschrift »Sport«, und die Texte werden länger. Dennoch ist die Gründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) lediglich eine Kurzmeldung wert. 800 Fußballvereine mit 230 000 Mitgliedern sind damals dabei - heute ist der DFB mit 6,3 Millionen Mitgliedern einer der größten Sportverbände weltweit.
Die NZ-Sportredaktion transportiert nicht nur Informationen, sondern kümmert sich geradezu rührend um ihre Leser. Am 8. Januar 1912 etwa - jetzt unter dem Seitentitel »Sport und Spiel« - geht es um »Die Gefahren des Wintersports«. »Groß wird die Gefahr«, warnt der Schreiber, »wenn bei solcher Gelegenheit Müdigkeit und Entmutigung über Spannkraft und Ausdauer das Übergewicht bekommen. Weniger hoch ist die Gefahr der Schneeblindheit.« Übrigens: »Es soll sich niemand schnelles Abfahren gönnen, bevor er nicht gelernt hat, seine Skier zu beherrschen.«
Darunter sind die Fußballergebnisse des Wochenendes aufgeführt. Unter »Rasensport im Detail« gibt es Spielberichte aus dem Ostkreis, zum Beispiel vom 1. FC Nürnberg, der SpVgg Fürth, Bayern München sowie Pfeil und Concordia Nürnberg. Da zu dieser Zeit die Fußballbegeisterung offenbar zunimmt, reagiert die Redaktion umso empörter auf einen Erlass des Kultusministers, der »den Mittelschülern unter 17 Jahren vom Fußballspiel abrät«. Das sei, so der NZ-Sportjournalist, »ein höchst bedauerlicher Rückschlag in der Bewegung zur Förderung der Leibesübungen«.
Im Jahr 1914 - die Zeitung heißt inzwischen »Nürnberger Zeitung« - nimmt der Montags-Sport bereits eine ganze Seite ein, wird
mit Foto illustriert und erscheint sogar als eigenes Ressort im Impressum.
Für gerade mal zehn Pfennig ist die NZ im Stadtgebiet Nürnberg (außerhalb für 15 Pfennig) im geschichtsträchtigen Jahr 1933 zu bekommen. Dafür erfährt der sportinteressierte Leser am 2. Januar auf einer Dreiviertelseite alles über das Länderspiel der Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien - »von unserem nach Bologna entsandten Redaktionsmitglied«. »Wieder eine Enttäuschung« prangt in fünf Zentimeter großen Lettern über dem Artikel von Schriftleiter Hanns Schödel, der inhaltlich den Texten ähnelt, die jüngst über die deutschen Kicker verfasst wurden:
»Wir haben wieder einmal 90 Minuten lang Unterricht bekommen, wie man ein Länderspiel gewinnt. Die Italiener haben uns gezeigt, dass der schnellste Weg zum Tor immer noch der geradeste und kürzeste ist, während wir ewig demonstrieren werden, dass man den Ball sechsmal nach links und rechts schieben kann, um ihn dann an den Gegner zu verlieren. (. . .) Der deutsche Sturm nahm längere Zeit Urlaub vom Länderspiel. Er war nur vorübergehend da. Bergmaier war überhaupt nicht da. (. . .) Viel zu viel ging die alte Wurstelei wieder an, wobei jeder sein eigenes Privatkonto führte. (. . .) Die deutsche Nationalmannschaft beginnt allmählich im europäischen Fußballzirkus eine peinliche Rolle zu spielen. (. . .) Es ist bedauerlich und peinlich zugleich, diesem keineswegs ergötzlichen Schauspiel immer und immer wieder beiwohnen zu müssen.«
Das alles schrieb ein von der Nationalmannschaft bitter enttäuschter NZ-Sportredakteur vor 71 Jahren. Manche Dinge ändern sich offenbar nie.
Viel zu viel ging die alte Wurstelei wieder an. Die deutsche Nationalmannschaft beginnt allmählich im europäischen Fußballzirkus
eine peinliche Rolle zu spielen.
NZ im Januar 1933 zum Länderspiel Italien-Deutschland
Die ersten Rasenhelden des 1. FCN aus dem Jahr 1900. Die NZ nahm von der Vereinsgründung am 4. Mai keine Notiz, dafür vermeldete sie Hinweise zum Frühjahrskränzchen des Turnvereins Schoppershof.
Foto: aus dem Buch von Dieter Bracke, Nürnberger Erinnerung Bd. 8: Der Sport
