Quelle

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Das Versandhaus Quelle war ein von Gustav Schickedanz gegründetes Warenhandelsunternehmen, das prägend für Mittelfranken im Nachkriegsdeutschland war.

Der Quelle-Katalog war das Herzstück des Versandhandels.
Foto: Fengler/NZ
Gustav Schickedanz
Foto: Fengler/NZ
Grete Schickedanz
Foto: Fengler/NZ
Der Quelle-Turm in Eberhardshof
Foto: Helldörfer/NZ

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Quelle brachte es auf eine 80-jährige Unternehmensgeschichte. Eine Geschichte, die in den ersten Jahrzehnten vor allem geprägt war von den Unternehmerpersönlichkeiten Grete und Gustav Schickedanz. Ihnen gelang es, Quelle vom fränkischen Familienunternehmen zum führenden deutschen Universalversender zu entwickeln. Sie zählten damit in Deutschland auch zu den zu Wegbereitern des innovativsten Handelskonzeptes der damaligen Zeit: dem Versandhandel.

Mit großem unternehmerischen Spürsinn entwickelte der Fürther Kaufmann Gustav Schickedanz eine Geschäftsidee: Produkte sollen ohne Umwege über den Zwischenhandel direkt an den Endverbraucher geliefert werden. Mit diesem neuartigen Vertriebskonzept legt der Unternehmer vor mehr als 80 Jahren einen der Grundsteine für das moderne "Homeshopping". 1923 eröffnet Schickedanz zunächst eine Kurzwaren-Großhandlung in Fürth und beliefert Einzelhändler. Das Angebot wird in Preislisten annonciert.

Am 26. Oktober 1927 gründet Schickedanz dann den Quelle-Versandhandel (GmbH). Das Versandhaus wendet sich mit seinem Angebot direkt an die Endverbraucher. Die Kundenkartei umfasst bereits 1934 250.000 Adressen. Im Jahr 1927 tritt auch Grete Lachner als Lehrmädchen in seine Firma ein. Grete und Gustav heiraten im Jahr 1942. Viele Jahre wird Grete Schickedanz die Geschicke des Unternehmens leiten.

Gustav Schickedanz trat bereits im November 1932 der NSDAP bei. Ab 1935 saß er als NSDAP-Ratsherr im Rat seiner Heimatstadt Fürth. Die Vereinigten Papierwerke, die Brauerei Geismann und weitere Firmen konnte Schickedanz wahrscheinlich aufgrund seiner Parteizugehörigkeit während des NS-Regimes weit unter dem tatsächlichen Wert von den ehemaligen jüdischen Besitzern im Zuge der Arisierung erwerben. Erst in den vergangenen Jahren entstand allerdings eine rege Diskussion über Schickedanz' Rolle in der Nazi-Zeit.

Wegen seiner Rolle im NS-Regime saß Schickedanz nach Kriegsende bis 1948 im Gefängnis. Ihm wurde von den Amerikanern verboten, sein Unternehmen zu leiten und zu betreten. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Schickedanz durch die Hauptspruchkammer Nürnberg 1949 als „Mitläufer“ eingestuft.

Bereits 1959 wurde er Fürther Ehrenbürger und 1961 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

Mit der Währungsreform 1948 beginnt auch für Quelle der Wiederaufbau mit der Herausgabe eines 4-seitigen Prospekts. Auflage: 10.000 Stück. Das Highlight im Sortiment: Nylonstrümpfe aus den USA.

Schon zwei Jahre zuvor hat Grete Schickedanz in Hersbruck ein Textilgeschäft eröffnet und damit das Überleben der Familie gesichert. 1949 wird dann das erste Quelle-Kaufhaus in Fürth eröffnet.

In den 50er Jahren geht es rasant bergauf. Der erste „echte“ Hauptkatalog löst die „Neuesten Quelle-Nachrichten“ ab. Er erscheint halbjährlich. Neu im Sortiment: u.a. Möbel, Gartengeräte, Autozubehör, Fahrräder und der erste Elektroherd. „Erst mal sehn, was Quelle hat“, heißt es in diesen Jahren des so genannten „Wirtschaftswunders“ bald in vielen Haushalten. Mit der Eröffnung von Tochterunternehmen im europäischen Ausland geht Quelle die ersten Schritte auf dem Weg zur internationalen Handelgruppe.

Jährlich werden ab 1958 50 Millionen Kataloge und Prospekte an die Quelle-Kunden versandt.

In den 60er Jahren werden die sogen. Sammelbesteller als neue Vertriebswege eingeführt. Ab 1964 gilt Quelle als das größte Versandhaus Europas. Sogar Fertighäuser werden jetzt angeboten.

In den 70er Jahren werden die Quelle-Bestellagenturen ins Leben gerufen. Am 27. März 1977 stirbt Gustav Schickedanz.

1984 wird die Quelle-Versicherung gegründet, die später als Karstadt-Quelle-Versicherung und Karstadt-Quelle-Bank eigenständig wird.

Die Quelle-Hauptverwaltung in der Nürnberger Straße in Fürth.
Foto:Helldörfer/NZ

Krisen und Niedergang

In den 90er Jahren investierte Quelle in den neuen Bundesländern und schlitterte in seine erste Krise. 1994 wurden alle Kaufhäuser bis auf das Stammhaus in Hersbruck und das Nürnberger Haus in der Fürther Straße geschlossen. Grete Schickedanz stirbt am 23. Juli 1994 im Alter von 82 Jahren. Noch bis im Jahr zuvor hatte sie aktiv in der Geschäftsführung des seit 1991 als „Quelle Schickedanz AG & Co.“ firmierenden Unternehmens mitgearbeitet.

1998 erfolgte die Fusion mit Karstadt zur Karstadt-Quelle-AG. Die Quelle-Anteile im Konzern wurden im März 2007 in Primondo umbenannt. Karstadt-Quelle hieß ab 1. Juli 2008 Arcandor.

Der Umsatz im Jahr 2007/2008 betrug 2,9 Milliarden Euro. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 8.000 Menschen für das Unternehmen (nur Quelle, für Primondo ca. 10.500), die meisten davon im Großraum Nürnberg.

Im April 2009 beschloss Arcandor ein Konsolidierungsprogramm und wollte sich fortan auf das Kerngeschäft konzentrieren. Im Juni bewilligte die Bundesregierung einen Massekredit. Am 9. Juni beantragte Arcandor beim Landgericht Essen die Insolvenz. Die Konzernteile sollen veräußert werden. Am späten Abend des 19. Oktober 2009 gab Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg bekannt, dass alle Verkaufsverhandlungen für Quelle gescheitert seien. Für den Versandhandel bedeutete das das Aus. Die Spezialhändler sollen autark weiterarbeiten.

Anfang 2012 sind fast alle ehemaligen Quelle-Immobilien veräußert und für neue Projekte revitalisiert worden. So siedelte beispielsweise das Bayerische Landesamt für Statistik von München nach Fürth um. Bereits Ende 2011, zwei Jahre nach der Insolvenz, war die Arbeitslosenquote in Fürth mit 6,2% niedriger als noch zu Quelle-Zeiten (7,6%).

Literatur

  • Adolf Schwammberger: Schickedanz-Konzern. In: Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon. Fürth: Selbstverlag der Stadt Fürth, 1968, S. 316
  • Klaus Schardt: Gustav Schickedanz: ein Wirtschaftspionier mit Herz. Hofmann, Nürnberg 2000, ISBN 3-87191-288-3
  • Richard Winkler: Schickedanz, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, S. 727–729
  • Stephan Maurer, dpa: Schlüsselrolle. Quelle-Erbin - Die Macht der Frau Schickedanz. In: Nürnberger Zeitung Nr. 126 vom 4. Juni 2009, S. 3 - NZ
  • dpa: Quelle-Katalog: Als Kompass unverzichtbar. Im Katalog wird gestöbert, bestellt wird im Internet. In: Nürnberger Nachrichten vom 25. Juni 2009 - NN
  • Hoe/dpa: Schickedanz: «Ich kaufe beim Discounter ein«. Die Arcandor-Eigentümerin räumt eine Mitschuld an Quelle-Krise ein. In: Nürnberger Nachrichten vom 19. Juli 2009 - NN
  • dpa/NZ: Neue Vorwürfe gegen Schickedanz. Quelle-Gründer soll sich an jüdischem Besitz bereichert haben. In: Nürnberger Zeitung vom 22. Juli 2009 - NZ
  • dpa: Quelle: Kritik an Middelhoff. Insolvenzverwalter wirft früherer Arcandor-Führung Misswirtschaft vor. In: Nürnberger Nachrichten vom 16. August 2009 - NN
  • Stephanie Händel und Gabi Wald-Hauf: Madeleine Schickedanz muss nun auch um ihr Privatvermögen bangen. Von der millionenschweren Kaufhaus-Diva zur tragischen Figur. In: Nürnberger Zeitung Nr. 203 vom 3. September 2009, S. 3 - NZ
  • dpa: Der Katalog lag in jedem Haushalt. Quelle zählte zu den bekanntesten Marken in Deutschland. In: Nürnberger Nachrichten vom 21. Oktober 2009 - NN
  • Verena Litz, Hans-Peter Kastenhuber, Arno Stoffels: Quelle-Mitarbeiter stehen vor einem Scherbenhaufen. Viele machen Managementfehler für den Untergang verantwortlich. In: Nürnberger Nachrichten vom 21. Oktober 2009 - NN
  • Gabi Wald-Hauf: Die Region steht unter Schock. Das Aus für Quelle kostet Tausende den Arbeitsplatz. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 3 - NZ
  • Stephanie Siebert: Arbeitsagentur rät: Das können Gekündigte jetzt tun. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 3 - NZ
  • Stephanie Siebert: Ganz Nürnberg ist betroffen. „Das Quelle-Aus zieht weite Kreise“. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 10 - NZ
  • Gabi Seitz: «Es geht um unsere Existenz». Das Aus für Quelle trifft auch kleinere Geschäfte. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 9 - NZ
  • André Fischer: Stadt will Betroffenen schnell helfen. Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 9 - NZ
  • Josef Hofmann: Quelle hätte nicht untergehen müssen. Tragödie einer Traditionsfirma. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 2 - NZ
  • joho/rtr/dpa/ap: Für einen Teil Quelle-Mitarbeiter gibt es noch Chancen. Otto bietet für die Filetstücke. In: Nürnberger Zeitung Nr. 243 vom 21. Oktober 2009, S. 19
  • dpa: Pleite: Quelle-Erbin will sich nicht äußern. In: Nürnberger Zeitung Nr. 244 vom 22. Oktober 2009 - NZ
  • Tim Braune/stephan Maurer, dpa: Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz: Am 66. Geburtstag brach ihre Welt zusammen. In: Nürnberger Zeitung Nr. 244 vom 22. Oktober 2009, S. 20 - NZ
  • Josef Hofmann: Nach 82 Jahren kam das jähe Aus für Quelle. Ende einer Erfolgsgeschichte. In: Nürnberger Zeitung Nr. 244 vom 22. Oktober 2009, S. 21 - NZ
  • Susanne Stemmler: Mitarbeiter versäumte seine Klagefrist. Arbeitsgericht: 200 Quelle-Verfahren anhängig. In: Nürnberger Zeitung Nr. 280 vom 3. Dezember 2009, S. 9 - NZ
  • Bericht des Fürther Oberbürgermeisters zum Quelle-Aus: In: "Hier schreibt der OB" vom 11.10.2011. Stadt Fürth


Siehe auch

Weblinks

Artikel in der NZ

  • Die Nürnberger Zeitung hat ein Themenarchiv mit allen Artikeln zur Quelle angelegt.