Roland Renn

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Willi und Roland Renn: zwei erfolgreiche Radsport-Generationen in Herpersdorf
Das erste Rennen auf einem alten Drahtesel

Über 30 Jahre saßen sie insgesamt im Rennsattel, und wenn beide in Erinnerungen schwelgen gibt es viel zu erzählen: Willi Renn und sein Sohn Roland haben in zwei Generationen ein großes Stück der Nürnberger Radsportgeschichte mitgeschrieben. Auf Bahn und Straße erkämpften sie sechs deutsche Meistertitel, über 30 bayerische Meisterschaften und insgesamt rund 200 Siege.

Senior Willi Renn, der 2004 seinen 70. Geburtstag feierte, erinnert sich noch gut an sein erstes Radrennen, das er 1949 als 14-Jähriger im Trikot des RC Lohengrin Stein fuhr: »Da hatte ich noch keine richtige Rennmaschine, nur ein Sportrad ohne Gangschaltung«, erzählt Willi Renn. Der ehrgeizige Lehrling fuhr auf seinem alten Drahtesel so beherzt, dass Andreas Egerer, der unvergessene große Mäzen des RC Herpersdorf, auf ihn aufmerksam wurde. Bereits im folgenden Jahr startete Willi Renn stolz im Herpersdorfer Trikot, und dann ging es steil bergauf mit seiner Radsportkarriere.

»Erst waren es einige Bayerische Meisterschaften, und 1951 gewann ich als 16-Jähriger mit der Jugendmannschaft des RC die Deutsche Meisterschaft über 50 km«, erinnert sich Willi Renn, der als Amateur auf Bahn und Straße ein außergewöhnlich vielseitiger Allrounder wurde und drei Jahre zur BDR-Nationalmannschaft zählte. »Meine schönsten Erfolge waren der Sieg beim Bismarck-Preis und mein zweiter deutscher Meistertitel, den ich mit dem Herpersdorfer Bahn-Vierer 1956 in Köln gewann.«

Rückblickend bekennt Willi Renn: »Ich war oft sehr leichtsinnig und hätte mehr auf Andreas Egerer hören sollen.« Andreas Egerer war 1959 auch nicht begeistert, als Willi Renn und sein Herpersdorfer Vereinskamerad Heinz Weltrowski zu den Profis wechselten. In den USA und in Kanada fuhren beide eine Serie von Bahn- und Sechstage-Rennen. Willi Renn kämpfte dabei mit besonders großem Einsatz und zeigte keinerlei Respekt vor großen Namen. Eine erfolgreiche Karriere als Sechstage-Fahrer wäre sicher möglich gewesen, doch der kesse Profi-Neuling verstieß sofort gegen die »ungeschriebenen Gesetze« der Sechstage-Rennen: Willi Renn blieb Individualist und ließ sich nichts vorschreiben. Er und Weltrowski legten sich auch sehr bald mit »Sechstage-Kaiser« Rik van Steenbergen aus Belgien und den übrigen Top-Stars an. »Wir waren einfach viel zu naiv als Profis«, sagt Willi Renn heute.

Als er einsehen musste, dass gegen das »Establishment der Pisten« nichts auszurichten war, wechselte Willi Renn zu Beginn der 60er-Jahre zu den Profi-Stehern, doch deren Tage waren gezählt, und Willi Renn stellte außerdem fest: »Meine Schrittmacher hielten sich oft mehr an Absprachen mit Konkurrenten als an meine Anweisungen.« Damit war auch der Stehersport für Willi Renn erledigt. Enttäuscht und frustriert hängte er seine Rennmaschine nach rund 15 Jahren 1962 endgültig an den Nagel.

Zehn Jahre später stieg Roland Renn erfolgreich in die Fußstapfen seines Vaters. Auch er war als Schüler und Jugendfahrer ein vielversprechendes Talent beim RC Herpersdorf. Nach zahlreichen bayerischen Meistertiteln und einem zweiten Platz bei der DM im Straßen-Vierer der Junioren, zählte Roland Renn auch als Amateur bald zur bayerischen Spitzenklasse. Als man 1984 einen Lokalmatador für die Nürnberger Steherrennen suchte, ließ er sich nicht lange bitten.

»Ich hatte aber einen sehr schweren Einstieg, denn mein Schrittmacher Peter Bäuerlein war ebenso wie ich absoluter Anfänger im Stehersport«, erinnert sich Roland Renn, der sich deshalb nicht entmutigen ließ. Am »Keller« war man von dem ehrgeizigen Steherneuling bald begeistert. »So richtig lief es bei mir dann ab 1985, als mich Bruno Schlirf betreute und Dieter Durst mein Stammschrittmacher wurde«, schwärmt Roland Renn noch heute. Hinter dem breiten Rücken von Dieter Durst wurde Roland Renn 1985 und 1986 Deutscher Stehermeister und zweimal Deutscher Dernymeister! Als sein »bestes Jahr« bezeichnet Roland Renn jedoch die Saison 1987, als er in Zürich das Sechstage-Rennen für Steher um den Europa-Cup gewann.

Nur eine WM-Medaille fehlte dem 26-jährigen Nürnberger noch immer, und die erkämpfte er sich 1988 nach einem furiosen Finale in Gent. Doch der vierfache Deutsche Meister hatte sich zu früh gefreut: Noch am gleichen Tag wurde bekannt, dass man bei Dieter Durst und drei weiteren Schrittmachern bei der Dopingkontrolle Spuren von Anabolika gefunden hatte. »Obwohl das bei einem Schrittmacher eigentlich völlig belanglos ist, wurden Dieter und ich sowie zwei weitere Gespanne disqualifiziert«, ärgert sich Roland Renn noch heute. Dieter Durst konnte sich nie erklären, wie es zu dem Anabolika-Befund kam. Doch beim Weltverband UCI war man unerbittlich und verlangte die Bronze-Medaille zurück.

»Da half mir nur eine Notlüge«, gesteht Roland Renn. »Ich habe gemeldet, dass mir meine Sporttasche mit der Medaille gestohlen wurde.« Roland Renn behielt auf diese Weise seine hart erkämpfte WM-Plakette. »Sie hat bis heute in meiner Trophäen-Sammlung einen ganz besonderen Platz!«, sagt er schmunzelnd. Glück hat ihm die Medaille aber nicht gebracht: »Bei der WM-Revanche in Zürich bin ich sehr schwer gestürzt. Danach lief es nicht mehr, so dass ich 1989 meine letzten Rennen fuhr.«

Den Radsport verfolgen die beiden Renns noch immer sehr aufmerksam. »Ist ja super, wie sich unsere deutschen Profis entwickelt haben!«, freuen sich beide. Willi Renn, der noch immer gerne im Sattel sitzt, hat seinen früheren Beruf als Orthopädie-Schuhmacher zu seinem Hobby gemacht. Auf Wunsch fertigt er »Schuhe maßgeschneidert und vom Feinsten« für seinen Bekanntenkreis. Roland Renn arbeitet in der Geschäftsleitung eines Regensburger Autohauses mit Filialen in ganz Bayern und stellt bedauernd fest: »Ich fahre zwar noch immer viele Kilometer, doch leider nur noch im Auto und nicht mehr auf dem Rad.«

Manfred Marr (Aus Nürnberger Zeitung vom 24.Juni 2005)