Schocken

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Das ehemalige Kaufhaus Schocken am Aufseßplatz in Nürnberg war eines von mehreren Warenhäusern des sächsischen Unternehmens I. Schocken Söhne. Trotz mehrmaliger Umbenennungen in Merkur, Horten und Kaufhof hält sich in Nürnbergs Bevölkerung der Namen Schocken für dieses Gebäude bis heute.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Nachdem das 1907 in Zwickau gegründete Warenhaus-Unternehmen I. Schocken Söhne bereits in mehreren anderen, überwiegend sächsischen Städten, Kaufhäuser eröffnet hatte, erwarb es 1925 ein Grundstück am Aufseßplatz in Nürnberg, auf dem das alte Fabrikgebäude der Fränkischen Schuhfabrik stand. Dieser Bauplatz für das 13. Schocken-Warenhaus war wesentlich günstiger als eine Innenstadt-Lage. Verantwortlich für den Bau war der Architekt Erich Mendelsohn, der danach auch die Schocken-Häuser in Chemnitz und Stuttgart konzipierte. Innerhalb eines Jahres entstand in Nürnberg nach umfangreiche Umbau- und Neubaumaßnahmen ein funktionaler, schnörkelloser Bau nach streng modernen Maßstäben, der in Nürnberg auch auf Widerspruch und Kritik stieß.

der Schocken bei seiner Eröffnung am 11. Oktober 1926.
Bei der Eröffnung des Kaufhauses Schocken am 11.10.1926 begründete Mendelsohn die von vielen als „eigentümlich“ empfundene, moderne Bauweise damit, dass man nicht nachahmen sondern schöpferisch tätig werden solle und das Bauwerk „eine Schöpfung unserer Zeit“ sei. [1] Das Innere des Gebäudes wurde als „luftig und hell“ beschrieben, da es große Fensterfronten aufwies.

Bei der Einweihung des Gebäudes erläuterte der Eigentümer Salman Schocken seine Idee vom Warenhaus, bei der es ihm darauf ankam, die wirklichen Bedürfnisse der Käufer zu befriedigen. [2] Die Schocken-Kaufhäuser waren mit ihrem breiten Angebot zu günstigen Preisen hauptsächlich auf weniger wohlhabende Menschen und damit auf den Massenkonsum zugeschnitten. Das Nürnberger Kaufhaus befand sich durch seine Südstadt-Lage mit großen Arbeiter-Wohngebieten an einem günstigen Standort. Dass das Schocken-Konzept auch in Nürnberg aufging, zeichnete sich bereits am Eröffnungstag (11.10.1926) ab, als tausende Menschen vor dem bereits völlig überfüllten neuen Kaufhaus auf Einlass warteten und die Polizei für Ordnung sorgen musste. [3] Der Schocken trug im Laufe der Jahre auch zu einer Belebung des Geschäftsumfeldes in dem Stadtviertel bei.

Bereits bei seiner Eröffnung hetzte Julius Streicher in seiner antisemitischen Zeitung "Der Stürmer" gegen die Schocken-Inhaber. Im Nürnberger Stadtrat kritisierten die Nationalsozialisten Oberbürgermeister Luppe, weil er bei der Eröffnung teilgenommen hatte.[4] Am ersten April 1933 griffen SA-Truppen jüdische Geschäfte an und riefen zu deren Boykott auf. Ein Jahr später emigrierte Salman Schocken nach Palästina, während seine Mitarbeiter die Geschäfte weiterführten. Immer wieder waren die Schocken-Kaufhäuser jedoch Ziel von Angriffen der Nationalsozialisten. Daher verkaufte Salman Schocken 1936 den Hauptteil seines Unternehmens an einen „arischen“ Geschäftsmann, der als eine Art Strohmann diente, was jedoch nur bis 1938 gut ging. Dann wurde er gezwungen, seine Firma zu einem winzigen Bruchteil ihres Wertes an ein Konsortium unter der Leitung der Deutschen Bank zu „verkaufen“. Damit war auch der Schocken in Nürnberg "arisiert", wie es im Nazijargon hieß. Zum Jahresanfang 1939 erfolgte dann die Umbenennung der Schocken AG in die Merkur AG; auch der Nürnberger Schocken trug ab diesem Zeitpunkt den Namen Merkur.[5]

Im Krieg wurde das Nürnberger Gebäude 1943 durch Bombentreffer zerstört.

Geschichte nach 1945

Der Wiederaufbau des Merkur in der Nachkriegszeit konnte 1951 beendet werden. Von seiner ursprünglichen Architektur war jedoch viel verloren gegangen. Salman Schocken erhielt 1949 vom in der US-Amerikanischen Besatzungszone liegenden Teil der Merkur AG 51 Prozent der Anteile zurück, die er jedoch bereits 1953 wieder an Merkur Horten & Co mit Sitz in Nürnberg, den späteren Horten verkaufte. [6]

Das Kaufhaus behielt zunächst den Namen Merkur und wurde 1954 nach den Plänen des Nürnberger Architekten Harald Loebermann grundlegend modernisiert und vergrößert. Durch den Erweiterungsbau an der Karl-Bröger-Straße verdoppelte sich seine Verkaufsfläche, die jedoch schon einige Jahre später nicht mehr ausreichte.

So erfolgten von 1961 bis August 1963 - bei laufendem Betrieb - erneut umfangreiche Umbau- und Neubaumaßnahmen, die dem Haus ein völlig neues Gesicht gaben. Dabei dominierte die noch heute vorhandene, wabenartige Fassade, die auch viele weitere Horten-Kaufhäuser aufwiesen. Die alten und neuen Gebäudeteilen erhielten durch die „Horten-Wabe“ ein einheitliches Gesicht, überdeckten jedoch auch die ursprünglich von Mendelsohn konzipierten großen Fensterflächen.

An der Landgrabenstraße Ecke Karl-Bröger-Straße entstand ein zusätzlicher Eingang. Die Horten AG bezeichnete die stark vergrößerte Lebensmittelabteilung als den größten Kaufhaus-Supermarkt Süddeutschlands.

Verantwortlich für den Um- und Neubau war erneut Architekt Harald Loebermann. Dieser leitete auch 12 Jahre später Renovierungsmaßnahmen mit deren Abschluss im September 1975 das Kaufhaus den Namen Horten erhielt.

Obwohl der Horten-Konzern bereits seit 1994 zum Kaufhof-Konzern gehörte, wurde das Nürnberger Warenhaus erst im Mai 2004 in Kaufhof umbenannt.

Als im Juni 2011 bekannt wurde, dass der Kaufhof-Konzern das Haus am Aufseßplatz schließen wird, stieß das bei betroffenen Bürgern in der Südstadt und Stadtpolitikern auf Widerstand und große Besorgnis. Befürchtet wurde eine Versorgungslücke, auch wegen des im Gebäude befindlichen Lebensmittelmarktes. Doch genau ein Jahr später, im Juni 2012, schloss das Kaufhaus endgültig.

Zwischennutzung

Das alte Schocken-Gebäude soll 2014/15 abgerissen werden. Auf dem frei werdenden Gelände will die Eigentümerin Metro Properties mit dem Investor Multi Development ein neues Stadtteileinkaufszentrum namens Südstadt Carré errichten, das frühestens Ende 2016 in Betrieb gehen soll. Die Stadt Nürnberg vereinbarte mit der Metro eine Zwischennutzung des Gebäudes bis zu dessen Abriss. Die Räumlichkeiten werden untervermietet für Veranstaltungen und Kunstprojekte. Für die kulturelle Zwischennutzung gründete der Medienladen das Kunst- und Kulturprojekt Artischocken. Die Initiatoren renovierten die im Erdgeschoss gelegene ehemalige Gaststätte Fränkische Stube, die die Stadt Nürnberg kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Dort finden Kunstschaffende seit Mai 2013 eine Bühne für Theater, Musik und Performances.

Einzelnachweise

  1. Fränkische Tagespost vom 12.10.1926
  2. Fränkischer Kurier vom 12.10.1926
  3. Fränkische Tagespost vom 12.10.1926
  4. Peter Zinke: "An allem ist Alljuda schuld" - Antisemitismus während der Weimarer Republik in Franken; Antogo Verlag 2009
  5. Le Monde diplomatique
  6. nuernberginfos.de

Literatur