Sebalduskirche Nürnberg

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St. Sebald, auch: die Sebalduskirche, ist die ältere der beiden großen Stadtkirchen Nürnbergs. Sie liegt in der nach ihr benannten Sebalder Seite der Altstadt nördlich der Pegnitz. St. Sebald ist die älteste Pfarrkirche der Stadt (seit dem 12. Jahrhundert) und auch die älteste evangelisch-lutherische Pfarrkirche Nürnbergs (seit 1525).

St. Sebald
© Harald Sippel/NZ

Inhaltsverzeichnis

Baugeschichte

Der Legende nach ist die Vorgängerkirche der heutigen Sebalduskirche um 1050 durch den Stadtheiligen Sebaldus gegründet worden, über dessen Leben nicht mehr bekannt ist, als dass er als wundertätiger Einsiedler lebte. Die Pfarrei gehörte in den Anfängen zu Peter und Paul in Poppenreuth. Zwischen 1230 und 1275 wurde an ihrer Stelle eine doppelchörige Pfeilerbasilika in spätromanischem Stil errichtet. Der Westchor wurde 1274 geweiht. Stück für Stück wurde der dreischiffige Kirchenbau in den folgenden Jahrhunderten erweitert und umgebaut. Ab 1309 wurden die beiden Seitenschiffe auf die heutige Breite vergrößert. Der lichte Ostbau ist ein Hallenumgangschor der Parlerzeit (1379), zu der auch die Frauenkirche entstand.

Wiederaufbau

Bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde St. Sebald weitgehend zerstört. In den folgenden Jahren erfolgte der Wiederaufbau unter der Leitung von Wilhelm Schlegtendal. Die Gemeinde sammelte dafür mühsam Spenden in der Bevölkerung. 1952 wurden die neuen Glocken geweiht, am 22. September 1957 wurde die Kirche wieder eingeweiht. Schäden aus der Kriegszeit ziehen sich jedoch bis in die Gegenwart: Die Bauhütte St. Sebald muss beständig Fördermittel und Sponsoren akquirieren, um die aufwändigen Reparaturen zu bewerkstelligen. Zuletzt wurde das Dach des Ostchors erneuert; aktuell werden die Türme saniert, nachdem sie gefährlich instabil geworden sind.

Ausstattung

An den Pfeilern der Außenfassade befinden sich bemerkenswerte Steinfiguren. Die Nordseite schmückt das prächtig ausgestaltete Brautportal. Im Inneren der Kirche befindet sich das Grabmal von St. Sebaldus, dem Schutzheiligen Nürnbergs. Der silberbeschlagene Reliquienschrein ist von einem Gehäuse aus Bronze eingefasst: ein reiches, nach Plänen des Erzgießers Peter Vischer 1508–1519 durch seine Söhne angefertigtes Kunstwerk. Im Ostchor befindet sich ganz oben das Bamberger Fenster von Albrecht Dürer. Es ist im Jahre 1501 von ihm entworfen und in der Werkstatt des Glasmalers Veit Hirsvogel gefertigt worden. St. Sebald birgt überdies eine Kreuzigungsgruppe von Veit Stoß.

Literatur

  • Elisabeth Roth: „Got und der lieb herr s. Sebolt“ - Nürnbergs Stadtpatron in Legende und Chronik. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg (MVGN), Band 67, 1980, S. 37-59 - MVGN
  • Gerhard Weilandt: Die Sebalduskirche in Nürnberg. Bild und Gesellschaft im Zeitalter der Gotik und Renaissance. Petersberg: Imhof, 2007, 782 S., ISBN 978-3-86568-125-6 (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte; 47)
    • Rezension Gustav Roeder: Ein prächtiger Band über die Sebalduskirche. Neue Einsichten in alte Werke. In: Nürnberger Zeitung Nr. 185 vom 13. August 2007, S. 31 - NZ
  • isa [= Isabel Lauer]: St.Sebalds Weg zur Wiedereinweihung. In: Nürnberger Zeitung vom 4. September 2007
  • Isabel Lauer: 50 Jahre Wiederaufbau St. Sebald: Bauen bis in alle Ewigkeit. In: Nürnberger Zeitung vom 4. September 2007
  • Ursula Tannert: Im November vor 55 Jahren war der Wiederaufbau des Pellerhauses schon einmal Thema. Aus Renaissancebau sollte Kulturzentrum werden. In: Nürnberger Zeitung Nr. 276 vom 29. November 2007, Nürnberg plus, S. + 4 - NZ (darin: Die Glocken von St. Sebald)
  • Christina Roth: Die Archive der Lorenz- und Sebalduskirche. Ordnung ins Wirrwarr bringen. In: Nürnberger Zeitung Nr. 185 vom 9. August 2008, Nürnberg plus, S. + 2 - NZ
  • Ute Wolf: Weltgerichtsportal der Sebalduskirche soll vorerst nur gereinigt werden. Kunstwerk muss auf Restaurierung warten. In: Nürnberger Zeitung Nr. 213 vom 11. September 2008, S. 10 - NZ
  • Dieter Knapp: Rund um die Sebalduskirche. Ein Spaziergang durch die alte Mitte. In: Nürnberger Zeitung Nr. 77 vom 2. April 2009, Nürnberg plus, S. + 4 - NZ
  • André Fischer: Konsolsteine verrutschen. Sebalduskirche in Not. In: Nürnberger Zeitung Nr. 230 vom 6. Oktober 2009, S. 9 - NZ

Siehe auch

Weblinks


NZ-Artikel

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

NZ vom 4.9.2007

St.Sebalds Weg zur Wiedereinweihung

Zwölf Jahre dauerte der Wiederaufbau der Sebalduskirche. Die Planung leitete Architekt Wilhelm Schlegtendal. Sowohl um die Ausgangslage – nur 15 Prozent des Baukörpers sollen unzerstört geblieben sein – als auch um die Finanzen war es ungünstiger bestellt als bei der ebenfalls stark zerstörten Lorenzkirche. Die Arbeiten stockten oft, wohingegen an St. Lorenz der amerikanische Großspender Rush Kress einen schnellen Aufbau bis 1952 ermöglichte.
Die Wiederweihe des Sebalder Ostchors am 22. September 1957 – kleinere Arbeiten dauerten freilich noch länger – mit dem Landesbischof Hermann Dietzfelbinger war ein Stadtereignis. Die Nürnberger Zeitungen brachten Großberichte; die Einzelhändler taten in Anzeigen ihre Freude über das wieder komplettierte Geschäftsviertel kund. Allerdings wurde das Festwochenende überschattet durch den überraschenden Tod von Oberbürgermeister Otto Bärnreuther.
1,3 Millionen Mark kostete der Wiederaufbau von St. Sebald. Zum Vergleich: 1,6 Millionen Euro veranschlagt die Gemeinde im Moment für die vierjährigen Sanierungsarbeiten, die vor allem die maroden Türme sichern müssen. Vom 8. bis zum 23. September erinnert St. Sebald mit Festwochen an den Wiederaufbau.

isa

NZ vom 4.9.2007

50 Jahre Wiederaufbau St. Sebald: Bauen bis in alle Ewigkeit

Von Isabel Lauer
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Nürnberger die gotische Sebalduskirche aus Trümmern neu erschaffen. War das ein Wunder? Es erinnern sich: eine Zeitzeugin der Zerstörung, die bis heute in der Sebalder Altstadt lebt, ein Steinmetz des Aufbaus und der heutige erste Pfarrer der Gemeinde.
Der Sebalder Südturm brennt. Käthe, die 15-Jährige, steht unten im Treppenhaus, hat Drillich und Stahlhelm angezogen. Sie zerrt mit den jungen Frauen und Männern an den Schläuchen, aber es klappt nicht. Es kommt zu wenig Wasser, kein Druck. Das Becken draußen ist zugefroren. Eigentlich haben sie keine Minute geglaubt, etwas ausrichten zu können gegen die Flammenhölle in der Altstadt. Der Löschtrupp zieht ab.
Käthe Utzelmann sieht St. Sebald brennen, nicht zum ersten Mal. Es ist das Herz ihres Wohnviertels, drei Gehminuten von zu Hause gelegen, gerade ist sie dort konfirmiert worden. Am 2. Januar 1945 läutet der britische Großangriff auf die Stadtmitte auch den Untergang der ältesten Pfarrkirche Nürnbergs ein. „Das war schon schlimm“, sagt die Kriegszeugin heute. „Aber es fiel nicht ins Gewicht. Man war abgestumpft.“ Schon in den Vorjahren hatten Brand- und Sprengbomben den Bau beschädigt, ähnlich wie in St. Lorenz. Jetzt sind Türen, Orgeln, Sakristeien und Gestühl vernichtet. Sieben Wochen später bringt ein weiterer Angriff den gewaltigen Ostchor zum Einsturz. Bei den Kämpfen der Amerikaner im April 1945 brennen die Türme aus.
Aber wer braucht eine Kirche, wenn er kein Bett mehr hat und das Rathaus nicht mehr ist? Von St. Sebald bleibt mehr übrig als von der Umgebung. Käthe Utzelmann sieht am Abend des 2. Januar Steine gelb glühen, Hausfronten zerbröseln wie Kekse. „Das kann sich ja heute keiner mehr vorstellen.“ Sie dagegen kann sich den Mann, der neben ihr von einem Brocken erschlagen wird, und die anderen Toten in den Straßen viel zu gut vorstellen. Auch als 77-Jährige muss sie keine Fernsehdokumentationen ansehen, um sich zu erinnern.
Vom Wiederaufbau bekommt Käthe Utzelmann wenig mit. Es sind die Jahre, in denen sie als junge Kinderkrankenschwester am städtischen Klinikum schuftet. Am Tag arbeitet sie zehn, zwölf Stunden und verdient vier Mark.
Ein Backstein, den man für die Sebalduskirche spenden kann, kostet fünf Mark: zu viel für Kriegskinder. Wenn sie sonntags ausnahmsweise frei hat, geht die junge Frau zum Gottesdienst. Das Gemeindeleben in der Ruine ist schon im Sommer 1945 mit einem Konzert weitergegangen. Im Frühjahr 1957 feiert Familie Utzelmann, deren Haus an der Oberen Schmiedgasse unversehrt blieb, die Hochzeit von Käthes Schwester in der Sebalduskirche. Der Ostchor ist da noch belegt von Arbeitern.
Dass das Bauwerk wieder zusammengewachsen ist, war damals schon Normalität für Käthe Utzelmann, genau wie der Blick aus der Stube ihres Elternhauses auf die Nachkriegsfassaden. Heute geht die alte Dame jeden Sonntag nach St. Sebald hinunter, ohne sich zu wundern. Die Sebalder Steppe ist sehr lange her. „Man schüttelt das ab.“
Nur selten, in der Einkehr der spärlich besuchten Morgenmessen, kommt ihr dieser eine Gedanke. Dazu muss sie zur Decke blicken, die Schlusssteine im Gewölbe betrachten. „Wie haben die das bloß geschafft?“
Hans Eschenbacher weiß, wie sie es geschafft haben. Mit Schweiß und Muskelkraft. Ein Mysterium darin sehen zu wollen, empfände er als Hohn. Den Schlussstein im Ostchor zum Beispiel, den mit den vier bunten Wappen, hat er allein behauen und befestigt.
Der Steinmetz Hans Eschenbacher kommt 1952 an die Bauhütte St. Sebald, als der Aufbau in vollem Gang ist. Er ist erst 18, bringt aber Talent mit. Schon als Lehrling hat er für St. Lorenz Brüstungen geschlagen. Sieben Jahre bleibt er in Sebald. Bis auch das Brautportal neu errichtet ist, für das er nach einer Fotografie die Entwürfe zeichnet.
Wenn sich der heute 73-Jährige kurz besinnt über seinem Arbeitsfotoalbum, kann er alles wieder spüren: wie er geschmeidig auf den Holzgerüsten klettert, wie er sich im Wind die Hände am Kanonenöfchen zu wärmen versucht, wie er mit seinen engsten zwei Kollegen Fritz und Fritz Spaßfotos schießt. Die Männer der Steinmetzfirma Hanns Leo Albert versetzen Maßwerkfenster und mauern Gewölbe wie ihre Vorfahren im Mittelalter. Ohne Maschinen, ohne Planen, ohne Atemschutz. Das Vorhaben ist ein einziges Risiko.
Als junger Mensch ist man belastbar, sagt Hans Eschenbacher. „Erst recht, wenn man gerade etwas Schweres überstanden hat.“ In seinem Heimatort hinter Zirndorf hat er den Krieg mit Sicherheitsabstand erlebt. „S’Ammerndorfer Milchgsicht“ nennen ihn Kollegen. Aber Zaudern ist nicht in Mode. Wohl nie mehr ist auf fränkischen Kirchweihen so ausgelassen gefeiert worden wie in den 50ern. Auf der Baustelle herrscht kein Zweifel, dass diese Kirche bald wieder sich selbst gleichen wird. „Nur dass sie wieder so farbig und lebendig wird, konnte ich mir nicht vorstellen.“ Die Weihe 1957 indes erlebt der Steinmetz nicht bewusst mit. „Da hat man wohl nicht so an die Arbeiter gedacht.“
Auch von der historischen Tragweite seiner Arbeit ahnt Eschenbacher damals nichts. „Mein Leben ist darauf aufgebaut, dass Nürnberg kaputt war“, urteilt er. „Mein Beruf wurde Berufung.“ Die 120 Mann der Firma Albert machen nomadenähnlich bei fast allen Wiederaufbauten mit: an den Altstadtkirchen, auf der Burg, im Krafft’schen Hof, im Tucherschloss. Hans Eschenbacher ist dabei, mit wachsender Verantwortung, bald als Meister. Doch es waren die Gesellenjahre in Sebald, die ihm die Sicherheit und die Begeisterung für alte Baukunst gegeben hatten. Zuletzt leitete er bis zum Ruhestand die Sanierung des Dinkelsbühler Münsters. Er bekam ein Bundesverdienstkreuz.
Es geht dem Rentner gut mit seiner Frau Fini im Haus in Ammerndorf, er füllt seine Zeit rastlos mit Gemeinderats- und Handwerksarbeit aus. Doch dieses Sebalder Gedenken im September nun verwirrt seine Gefühle eigenartig. Der gläubige Protestant fragt sich immer öfter, was von was im Leben kommt. War es ein Zufall, der ihn Steinmetz werden ließ? Die Rundfunktechniker-Lehrstelle schnappte ihm ein anderer weg. Das Arbeitsamt schlug ihm Albert als Lehrherren vor.
Mit ehemaligen Kollegen wollte Eschenbacher über das Jubiläum sprechen. Er hat nur noch sechs Lebende gefunden, vier davon schwer krank. Hans Eschenbacher hat schon so viele Kreuze neben Namen in seinem Fotoalbum machen müssen. Und doch kommt ihm die Vergangenheit kurz wie wenige Wimpernschläge vor.
Neulich hat Eschenbacher seine alte Werkzeugkiste durch die Kirche getragen, um sie dem Denkmalpfleger zu bringen, der sie für die Jubiläumsausstellung haben will. „Da habe ich mich wie der verlorene Sohn gefühlt.“
Auch wenn die Älteren immer abwiegeln, sie hätten einfach zusammengeholfen – für Gerhard Schorr bleibt es ein Wunder, dass aus der Ruine seine Kirche neu erstanden ist. „Je länger ich darüber nachdenke, um so größer wird mein Erstaunen“, sagt der Pfarrer. „Obwohl alles kaputt war, haben die Leute damals so viel mentale und finanzielle Kraft aufgebracht.“
Und Schorr hat viel nachgedacht im vergangenen Jahr, um die Festwochen zu planen. Er hat in Archiven gelesen, wie sein Amtsvorfahr, Kirchenrat Friedrich Veit, den bestmöglichen Erhalt der Kirche schon zu Kriegszeiten entschlossen einfädelte, und auch mit Hans Eschenbacher hat Schorr gesprochen. „Alles unglaublich eigentlich.“ Wobei der 58-Jährige den Respekt vor der Aufbaugeneration nicht nur auf Nürnberg bezogen meint. Er hat die kriegszerstörte Stadtlandschaft seiner Kindheit in Augsburg noch vor Augen.
Wie der raffinierte Kirchenraum von St. Sebald die Menschen sofort einnimmt, sie viel ruhiger macht als die breite Schwesterkirche St. Lorenz, fasziniert ihn seit 1994, als er die Gemeinde übernahm. Von einem „Geschenk, hier Gottesdienste zu feiern“, schreibt er im Prospekt zum Gedenkprogramm. Er sei nicht stolz, sondern demütig, sagt er immer.
Beim Jubiläum will Pfarrer Schorr zeigen, dass Geschichte nicht an bestimmten Jahreszahlen endet. Bei den Vorbereitungen haben die Mitarbeiter in den Winkeln der Kirche unbekannte Relikte aus der Kriegszeit entdeckt: Reste der verloren geglaubten Traxdorf-Orgel, Glockenklöppel, eine zerschmolzene Granatenhülse. „Es gibt mehr Spuren als vermutet.“ Schließlich ist St. Sebald auch nach der Wiederweihe 1957 eine ewige Baustelle geblieben. Wenn Schorr sich da von einer Sorge befreit glaubt, wächst die nächste heran. Die jüngst entdeckten schweren Schäden an den Türmen rühren daher, dass sie im April 1945 ausbrannten.
Wie wichtig St. Sebald den Nürnbergern ist, hört Gerhard Schorr seit Wochen von Passanten und Gemeindemitgliedern. Sie bejammern, dass die Kirchenglocken wegen der laufenden Turmsanierung schweigen müssen. Herr Pfarrer, der schöne tiefe Klang macht doch das ganze Stadtviertel aus. Zum Festgottesdienst am 22. September will der Pfarrer ausnahmsweise einmal wieder läuten. Die Altstadt soll nach Freude klingen.




NZ vom 13.8.2007

Ein prächtiger Band über die Sebalduskirche: Neue Einsichten in alte Werke


Von Gustav Roeder
Dieses Buch ist ein Ereignis. Seit Friedrich Wilhelm Hoffmanns großem, 1912 erschienenem Buch über die Sebalduskirche gab es immer wieder neue Publikationen, Forschungsberichte, Einzeldarstellungen über die älteste Pfarrkirche Nürnbergs. Aber eben kein großes zusammenhängendes Werk. Der von Gerhard Weilandt vorgelegte Prachtband könnte also eine Lücke füllen.
Tut er aber nicht. Der Titel „Die Sebalduskirche in Nürnberg“ suggeriert eine umfassende, vollständige Darstellung der Kirche in ihrem heutigen Zustand. Doch solche Erwartungen werden nicht erfüllt. Das macht der Untertitel klar: „Bild und Gesellschaft im Zeitalter der Gotik und Renaissance.“ Mit dem letzten großen Kunstwerk vor der Reformation, dem Sebaldusgrab des Peter Vischer, beendet Weilandt seine großangelegte Untersuchung. Was nach der Reformation mit und in der Kirche geschah, ist nicht mehr – oder allenfalls am Rande – sein Gegenstand.
So taucht das große, die Südwand des Ostchors beherrschende Behaim-Epitaph des Johann Kreuzfelder zwar in den Fotos auf, wird aber nicht mehr beschrieben. Barockisierung, die Wittelsbacher als neue Herrscher, Regotisierung, Purifizierung, Bomben und Wiederaufbau, Werke des späten 20. Jahrhunderts: Dies alles wird nur erwähnt, wenn sich damit die Anfänge der Kirche erschließen.
Auch wer eine rein kunstgeschichtliche Beschreibung erwartet, wird nicht bedient. Weilandt fällt zwar immer wieder kurze und treffende Urteile, doch wertet er die Werke oft nicht detailliert, wie dies von einem Kunstführer erwartet wird. Will er auch nicht, denn er legt eben keinen Kunstführer vor, sondern eine spannende Schilderung der Zusammenhänge von Glauben, Gottesdienst, Heiligenverehrung, Macht-, Familien-, Kirchen- und Ratspolitik.
Die Sebalduskirche wird als Ort immerwährender Auseinandersetzungen – und geheimnisvoller Harmonie – geschildert. Das Gotteshaus fügt sich in ein Ordnungsschema, das bisher noch nie so klar geworden ist. Weilandt sieht die ganze Umgebung der Altäre als Einheit, entdeckt Beziehungen des Dargestellten oder der Stifter zu den Plastiken in der Umgebung, zu den Begräbnisstätten in der Kirche oder im umgebenden Friedhof, auch zu den Fenstern.
In einem umfangreichen Katalog dokumentiert er Umstände der Stiftungen, liturgischen Gebrauch, Ikonographie, Altarzubehör, sei es die Arbeit von Goldschmieden oder von Teppichwebern, Totenschilde, Kirchenstühle – eine gewaltige Archiv-Arbeit. Das wird, und darin liegt das Einmalige des Buchs, zu einer Gesamtschau gefügt, denn, so Weilandt, „die Verschränkung der Gattungen gehört zu den charakteristischen Eigenheiten mittelalterlichen Bildgebrauchs“.
Es ist dem Autor gelungen, die in den lutherischen Jahrhunderten durcheinander gekommene und daher heute willkürlich erscheinende Anordnung der Figuren im Mittelschiff in die alte Reihen- und Rangfolge zu bringen. Das Ergebnis liest sich ganz einfach: Zwölf Säulen, zwölf Apostel. Doch unter den Zwölfen war, nachdem Johannes einen eigenen Altar bekam, auch Sebald, der damals, in der Mitte des 14. Jahrhunderts, noch gar nicht heilig gesprochen war. Weilandt übernimmt die These Arno Borsts, Sebaldus sei „durch Wort und Tat der Apostel Nürnbergs“ geworden, und er hält deshalb die Einordnung Sebalds in die Apostelreihe für „alles andere als eine exzentrische Idee“. Der Einsiedler und Pilger, der so schwer zu fassen ist, sei in Nürnberg zu demselben Rang aufgestiegen, den Petrus, ursprünglich alleiniger Patron der Kirche, innehatte.
Das Sebaldusgrab des Peter Vischer nimmt nicht nur wegen dieser Umstände einen großen Raum in Weilandts Buch ein. Der Autor sieht es als Konkurrenzunternehmen zu Riemenschneiders Grabmal für Kaiser Heinrich II. im Bamberger Dom, auch als signifikante Wegmarke im Wettbewerb zwischen Bischofskathedralen und bürgerlichen Pfarrkirchen. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass das Werk Peter Vischers das Kaisergrab in Bamberg „an Innovationspotential, schließlich auch an künstlerischem Rang in den Schatten“ stellt.
Dementsprechend groß ist die Gründlichkeit, mit der sich Weilandt dem Sebaldusgrab widmet, das mit seiner Überfülle an Figuren von jeher reichen Raum für Spekulationen geboten hat und bietet. Er verwirft die traditionelle Erklärung, die Apostel umstünden schützend den Schrein. Sie seien also nicht Wärter, sondern nehmen den Heiligen in ihre Mitte auf, als ihresgleichen. Auch die Behauptung, der Schrein sei 1391 von dem Goldschmied Fritz Habeltzheimer angefertigt worden, zieht Weilandt – wie schon Rainer Kahsnitz – in Zweifel. Er sei erst 1397 entstanden, sein Schöpfer nicht zu belegen.
Schwerwiegender ist die Deutung der zwölf Schnecken, die das tonnenschwere Grab zu tragen haben. Weilandt verwirft die Deutung Heinz Stafskis als „Symbole der Weisheit“, ebenso die von Dieter Wuttke, mit ihnen sei „das sinnliche Leben“ gemeint. Aber mit keinem Wort erwähnt er die traditionelle, in der christlichen Ikonographie geläufige Deutung der Schnecke als Symbol der Auferstehung: Im Frühjahr, wenn es warm wird, kriecht die Schnecke sozusagen in ein neues Leben, so wie Christus – hier sei der frühere Lorenzer Dekan Herbert Bauer zitiert – den Menschen „aus dem Tod heraus in ein neues Leben versetzen“ kann. Die Vischer-Werkstatt interpretiere, so Weilandt, das „Tragen“ der Schnecken wortspielerisch als das Laster der „Trägheit“; dafür seien die Schnecken aufgrund ihrer sprichwörtlichen Langsamkeit geradezu prädestiniert.
Auch für die Sockelzone, die mit den griechischen und jüdischen Helden an den Ecken, den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung an den Stirnseiten und der antik-heidnischen Götterwelt an den Pfeilern sehr unterschiedlich gedeutet wurde, hat er eine neue Erklärung bereit. Er fand sie in der Schrift „Die histori herculis“, von dem Nürnberger Humanisten Schwenter (eigentlich Pangratz Bernhaubt) 1515 herausgegeben.
Schwenter habe die Geschichte des Herkules der Geschichte (oder Legende) Sebalds nachgebildet. Gestalt für Gestalt zieht Weilandt Parallelen von der Schrift Schwenters zu den seltsamen Figuren am Sebaldusgrab, und siehe da: seine Spekulationen gehen auf! Nicht durchgehend, aber doch in den wesentlichen Teilen. Das Thema ist also der Kampf der Tugend gegen das Laster – und eine Kröte führt uns im zerfressenen Rücken von Fürst Welt die Vergänglichkeit des Fleisches vor Augen.
Eingehend schildert Weilandt, wie sich das Nürnberger Patriziat und der nicht im Rat vertretene Mittelstand Kämpfe lieferten, wie sie gegeneinander stichelten und was sie in Spenden und Stiftungen steckten, um ihr Seelenheil zu gewinnen. Kaum bekannte Geschichten hat Weilandt da mit beispiellosem Spürsinn ausgegraben. Beispielsweise diese: Eine gewisse Clara Sauerzapf wollte in St. Sebald begraben werden. Aber für eine Sauerzapf, die unter ihrem Stand geheiratet hatte, gab es keine Berechtigung. Weil aber ihre Mutter aus dem ratsfähigen Geschlecht der Pömer stammte, verfügte sie, dass sie im Tode nicht bei ihrem Mann, sondern bei der Mutter liegen wolle...
Hingewiesen sei auch auf die hervorragende Ausstattung des großformatigen Buches, auf Bildauswahl und Qualität der Fotos!

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