Wie sich das Wort der Diktatur andiente
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Vom führenden Blatt der Stadt zur Degradierung durch die Nazis: die NZ von 1890 bis 1945
Wie sich das Wort der Diktatur andiente
Von Robert Fritzsch
Im Jahr 1890 schlossen sich zwei in Nürnberg erscheinende Zeitungen zusammen. Der »Korrespondent von und für Deutschland« war wegen des unbefriedigenden Anzeigengeschäfts in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Der wesentlich jüngere »Generalanzeiger für Nürnberg und Umgebung« hatte eine ähnliche (national)liberale und überparteiliche Grundhaltung, bei ihm lief jedoch das Anzeigengeschäft viel besser. Unter dem neuen Titel »General Anzeiger« entstand eine erfolgreiche Verbindung.
1895 trat erstmals einer aus der Verlegerfamilie Spandel auf den Plan: Erich (1855-1909). Unter seiner Verlagsleitung wurde der »General Anzeiger« zielstrebig zur »Heimatzeitung« und zur Verbreitung in ganz Nordbayern ausgebaut und 1899 das Gebäude an der Fleischbrücke, wo auch die spätere NZ bis zur Bombennacht am 2.1.1945 ihren Sitz hatte, bezogen. Immer wies man darauf hin, dass man ohne »Partei-Gängelband« arbeite und dass der »reichhaltige Inseratenteil unseren Lesern ein treuer und zuverlässiger Ratgeber« sei. Zu dieser Zeit ersetzte man im Kopf die Auflagenangabe durch »Gelesenste Zeitung Nürnbergs«.
Der Anzeigenteil wurde noch umfangreicher und bunter. Die Anzeigen rückten weiter nach vorn und unterbrachen als Blöcke sogar den redaktionellen Teil. In der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende verdoppelte sich die Auflage nahezu. Nach dem frühen Tod von Erich Spandel verwalteten seine Witwe Margarete (bis 1917) und Bruder Hermann (bis gegen 1925) Zeitungsverlag und Druckerei. 1913 erfolgte dann die Umbenennung des »General Anzeigers« in »Nürnberger Zeitung«.
Nach dem Ende der Kriegszensur und angesichts der politischen Aufgeregtheit nach Kaiserreich und verlorenem Weltkrieg war das Bedürfnis nach umfassender und freier Information besonders groß. Seinerzeit erschienen in Nürnberg neun Tageszeitungen, die mit Abstand auflagenstärkste war die NZ. »Über 95 000 Auflage« verkündete sie stolz in ihrem Kopf. Zwar erschwerten Papierrationierung, die desolaten Verkehrsverhältnisse, Materialmangel jeder Art und später die Geldentwertung in der Zeit nach dem Krieg Herstellung und Vertrieb der Zeitung. Aber das Anzeigengeschäft kam bald wieder zum Blühen.
Unter der Fülle von Geschäftsanzeigen, Vergnügungsanzeigen, Familienanzeigen, Kleinanzeigen waren auch Kuriositäten, wie beispielsweise in der Ausgabe vom 6. 1. 1919: Da wurde für ein Desinfektionsmittel geworben mit der groß gedruckten Überschrift »Durch Frankreichs und Englands Hilfs-Völker wurde die Bartflechte nach Deutschland verschleppt . . .«. Aber so wichtig Anzeigen als wirtschaftliches Fundament auch waren: Die NZ wollte sich entschieden von »Gesinnungspresse« abheben und war in der Veröffentlichung politischer Anzeigen eher sparsam.
Anfangs 1919 erschien erstmals eine Zeitung neuen Stils, die nur auf der Straße angeboten und verkauft wurde, das »Acht-Uhr-Blatt«, aber trotz gewisser Schwankungen der Auflagenhöhe blieb die »Nürnberger Zeitung« unangefochten die Zeitung mit der größten Verbreitung in Stadt und Umland. Seit 1924 hieß es im Kopf »Täglich garantiert unerreicht höchste Auflage am Platze«, seit 1926 ergänzt durch »Bestes und verbreitetstes Insertionsorgan«. In der Jubiläumsnummer 1929 wird die NZ gar als »Lieblingszeitung der Nürnberger« bezeichnet. Während es 1920 wöchentlich sechs Ausgaben mit je 90 000 Exemplaren waren, erschienen 1930 ebenfalls sechs Ausgaben pro Woche, mit einer Auflage von knapp 80 000.
Dem Anspruch, Zeitung für jedermann zu sein, diente eine große Vielfalt, ja Buntheit des Inhalts: Lokalteil, Feuilleton (dem in der NZ eine breite Rolle zugedacht war), Wirtschaftsteil, Sportteil, Anzeigen aller Art, zahlreiche Beilagen. Aber bei aller inhaltlichen Vielfalt: Seite 1 und 2 blieben stets der Politik, der Berichterstattung und Kommentierung politischer Ereignisse vorbehalten.
Die nach dem Ende von Kaiserreich und Weltkrieg eine neue Verfassung vorbereitende »Nationalversammlung« ging vorübergehend nach Weimar, daher der Name dieser im Desaster von 1932/33 endenden Republik. Das erste Zusammentreten dieses Gremiums am 6. 2. 1919 begrüßte die NZ. Der Chefredakteur jener Jahre, Christian Müller, plädierte für die Unterzeichnung des umstrittenen Versailler Friedensvertrags als »kleinerem Übel« (19. 6. 1919) und wiederholt für das »Zusammengehen der Arbeiterschaft und des freiheitlich gesinnten Bürgertums«.
Die Attentate auf Politiker in den Anfangsjahren der Republik wurden als »gemeine Morde« gegeißelt, auch wenn, wie im Fall des bayerischen Ministerpräsidenten Eisner, keine Sympathie für Person und Politik vorhanden war (22. 2. 1919). Anlässlich der Ermordung des Reichsministers Walther Rathenau schrieb die NZ hellsichtig: »Die Mordgesellen kommen aus militaristisch erzogenen Kreisen, die von dem Wesen des Patriotismus eine völlig falsche Anschauung haben« (27. 6. 1922). Bis in die Spätzeit der Weimarer Republik blieb die NZ in ihrem redaktionellen Teil bei ihrem nationalen und, mit Ausnahme des Antikommunismus, parteipolitisch neutralen Kurs und hielt sich von nationalistischen Tönen frei.
Das wurde grundsätzlich auch nicht anders, als 1926 der 21-jährige Otto Spandel den väterlichen Betrieb (Verlag und Druckerei) übernahm und die Verantwortung für das Politik-Ressort auf Dr. Hans Beck (ab 1927) und auf Sigmund Neumann überging. Ein Beitrag in der Jubiläumsausgabe 1929 sah eine Hauptursache für den Erfolg der NZ darin, dass sie »frei von politischen Bindungen« sei und darum hunderttausend Lesern ein »objektives Urteil bieten« könne (Autor: Sigmund Neumann). Der damals amtierende Rabbiner Dr. Freudenthal attestierte 1929 der NZ, dass sie dem Judenhass »niemals ihre Spalten geöffnet hat«.
Dann kam das Unglücksjahr 1933 und mit ihm die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die Bildung einer Regierung aus rechtsgerichtet-nationalistischen Kreisen. Für viele, auch für die politische Opposition, sah es zunächst nach einem der seinerzeit häufigen Regierungswechsel aus - in den 14 Jahren »Weimar« hatte es nicht weniger als 20 Regierungen gegeben. Aber hellsichtig kommentierte die NZ am 31. Januar, dass die »nationalsozialistischen Programmpunkte in der nächsten Zeit stark im Vordergrund stehen« werden. Und ebenso hellsichtig unmittelbar vor der Reichstagswahl vom 6. 3. 1933, die die neue Hitler-Regierung bestätigen sollte: »Es scheint, dass diese Wahlen mit den Mitteln der Demokratie gegen die Demokratie entscheiden sollen.« Ein Bericht über die erste Sitzung des neuen Stadtparlaments am 28. 4. 1933 war aber schon mit der unsäglichen Überschrift versehen »Nürnberg wieder deutsch«.
Nur wenige Tage nach seiner Amtsübernahme am 13. 3. 1933 sprach der neue Reichsminister für »Volksaufklärung und Propaganda« auf einer Pressekonferenz vom »gründlichen Aufräumen« in der Zeitungspolitik und vom »sehr baldigen Ausmerzen« vieler bisheriger Journalisten und Meinungsmacher. Im Frühjahr 1933 war für oppositionelle Kreise - die NZ gehörte gewiss nicht dazu - im Grunde bereits alles verloren. Im politisch-ideologischen Bereich blieb nur die Alternative: Verbot/Mundtotmachung oder Anpassung/Parteinahme. Letzteren Weg beschritt die NZ. Der 1915 eingeführte Hinweis im Zeitungskopf »Politisch und wirtschaftlich unabhängig« entfiel im Frühjahr 1934.
Seit 1. 6. 1933 erhielten die Zeitungen in Nürnberg - es erschienen nach dem Verbot der sozialdemokratischen »Fränkischen Tagespost« noch sechs Tageszeitungen - Konkurrenz, nämlich die von dem berüchtigten Gauleiter Julius Streicher herausgegebene parteiamtliche »Fränkische Tageszeitung«. Aber trotz rüder Werbung und NS-Protektion konnte sie quantitativ nie die NZ überflügeln, deren Auflage 1934 über 73 000 und bei Kriegsausbruch 1939 immer noch 56 000 Exemplare betrug.
Der NZ-Verleger war sicher kein engagierter Nationalsozialist, aber in seinem vorsichtigen Lavieren hemmte er nicht den Aufstieg des Juristen Dr. Hans Beck, seit 1924 bei der Zeitung, zum »politischen Chefredakteur«. Unter ihm verstärkten sich im Frühjahr 1933 die antiparlamentarischen, antidemokratischen und völkischen Töne unübersehbar. Der Jude Sigmund Neumann musste die Zeitung verlassen und emigrierte 1938 in die USA. Nach wie vor galt, dass vor allem die Kommentare Aufschluss über Standort und politische Haltung gaben. Anlässlich der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze - sie veränderten die rechtliche und soziale Stellung der deutschen Juden einschneidend - hieß es im Kommentar am 16. 9. 1935: »Wenn Deutschland auch im Innern frei sein soll, dann muss es frei sein von jeder Herrschaft oder Knechtschaft der Juden« (wobei der letzte Halbsatz zwecks Hervorhebung gesperrt gedruckt war).
Auch andere Zeitungsteile blieben nicht frei von NS-Jargon und NS-Ideologie, was angesichts der eingetretenen Presselenkung nicht erstaunen konnte. NS-Großveranstaltungen und Streicher-Ansprachen wurden häufiger und fanden ihren Niederschlag im Lokalteil. Am 26. 3. 1934 erschien im Sportteil ein Foto der gesamten Club-Fußballmannschaft mit dem »Hitlergruß«. Im Wirtschaftsteil waren immer wieder geschönte Informationen »versteckt«, die die katastrophale Versorgungslage - vor allem des Jahres 1935 - der Bevölkerung verhüllten. Im Feuilleton, wie immer breit über Nürnberger Kulturveranstaltungen informierend, traten an die Stelle von Döblin, Thomas und Heinrich Mann, Klabund und andere »ver- femte« Schriftsteller dem Regime genehmere wie Bruno H. Bürgel, Josef Ponten, Anton Schnack, Gottfried Kölwel, Kuni Tremel-Eggert.
Der Zeitungs-Umfang schrumpfte zwar auf 15 bis 25 Seiten, aber das Anzeigengeschäft blühte in den »Friedensjahren« nach wie vor. Vor allem in der Textilbranche erwachte ein geradezu widerwärtiges Konjunkturrittertum. In Anzeigen versicherten führende Bekleidungshäuser, sie seien »rein arisch und frei von jedem jüdischen Kapital und Einfluss«. Zumindest die Bezeichnung »deutsch« bzw. »deutsches Geschäft« nahm in Anzeigen fast inflatorische Züge an.
Aber Großanzeigen erschienen nach 1933 selbst noch von solchen Firmen, die wenig später »arisiert«, d. h. unter Druck in die Hände von Nicht-Juden überführt wurden. In seiner Judenhetze, etwa im Herbst 1938, ließ sich der politische Teil der NZ auch von der parteiamtlichen Zeitung nicht übertreffen. Und in
den einschlägigen Überschriften bediente die NZ sich nicht selten des berüchtigten »Stürmer«-Jargons. Im Verlauf des Kriegs wurde Becks Kommentar-Ton noch rauer: Da war die Rede von einer »internationalen jüdisch versippten Gangsterbande« (24. 7. 1941), vom »englischen Blutrausch« und »jüdischer Bestie« (10. 3. 1943).
Aber schließlich half alles teils boshafte Mitmachen, teils ängstliche Lavieren nichts mehr: Am 31. März 1943 musste die als »bürgerlich« geltende »Nürnberger Zeitung« ihr Erscheinen einstellen und wurde lediglich als »Kopfblatt« der Parteizeitung bis 1. 9. 1944 weitergedruckt. Auch als »Hauptschriftleiter i. V.« bei der parteiamtlichen »Fränkischen Tageszeitung« verfasste Beck stramme Durchhalte-Kommentare. Wiederholt betonte er, dass dieser Krieg »das Werk der Juden ist« (6. 5./22. 5. 1943).
Es gereicht der damaligen Verlagsleitung nicht unbedingt zur Ehre, dass sie den fachlich gewiss tüchtigen, aber überaus anpassungsbereiten Hans Beck (»Wendehals« in heutiger Terminologie) ab 1951 wieder mit führenden Positionen bei der NZ betraute. 1960 erhielt er gar das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Das passte ganz zum damaligen Zeitgeist des Verschweigens und Beschönigens.
Der Autor war Direktor der Stadtbibliothek Nürnberg
Anzug und Arbeitskittel: Redakteure der Nürnberger Zeitung kontrollieren den Seitenumbruch bei den Metteuren. Das Bild von 1929 entstand in den alten Verlags- und Redaktionsräumen der NZ an der Fleischbrücke. Foto: NZ
Werbeplakat der NZ von 1913 aus der Privatsammlung von Maximilian Rosner, Nürnberg. Repro: Gerullis
Für Judenhaß sollte auf dem Boden des neuen Nürnberg am allerwenigsten Raum sein. Die ,Nürnberger Zeitung', die ihm niemals ihre Spalten geöffnet hat, möge auch weiterhin ein Hort der Eintracht und des Friedens unter der Nürnberger Bevölkerung sein! Rabbiner Dr. Max Freudenthal in der NZ 1929
Wenn Deutschland auch im Innern frei sein soll, dann muss es frei sein von jeder Herrschaft oder Knechtschaft der Juden. Leitartikel in der NZ, 1935
Das alte NZ-Haus an der Fleischbrücke mit Hakenkreuzbeflaggung während der NS-Zeit. Foto: Stadtarchiv Nürnberg
1906 präsentierte sich der Generalanzeiger mit seiner Druckmaschine auf der Landesausstellung in einer Halle der MAN. F.: Schmidt/GNM Nürnberg
